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Entstehung einer Attraktion für Taucher - Das neue Schiffswrack in Kas/Türkei

Von Rico Besserdich  

Vorwort :

25. Juni 2011, 13.47 Uhr, Kas/Antalya, Türkei: Mit einem imposanten letzten Aufbäumen des Bugs und mit dem Abschiedsgruß dutzender Schiffssirenen sinkt die "TC SG 119" ihrer letzten Ruhestätte entgegen, um fortan als neue Tauchdestination Taucher aus aller Welt zu erfreuen. Rico Besserdich war vor Ort und betauchte und fotografierte das Wrack bereits 2 Minuten nachdem es auf dem Meeresgrund aufschlug.

Schiffswracks sind überall auf der Welt ein beliebtes Ziel für Taucher. Wracks erzählen Geschichten, stehen für Abenteuer, Spannung und auch ein bißchen "Grusel". Durch Wracks entstehen neue Lebensräume für Unterwasserflora und -fauna; weltweit existieren dutzende von Projekten, um durch das Versenken von Schiffen, Flugzeugen ja sogar Eisenbahnwaggons künstliche Riffe und somit oft auch neue Tauchdestinationen entstehen zu lassen. 

Ein Wrack zu betauchen bedeutet oft, Geschichte zu erfahren. Und selbst wenn ein Schiff "mit friedlicher Absicht" versenkt wurde, so erhöht das Wissen um seinen Hintergrund und seine Geschichte das Taucherlebnis doch ungemein. Ich möchte Ihnen diese Geschichte nun erzählen.
 

TC SG 119 steht für "Türkiye Cumhurriet Sahil Güvenlik No 119" (in deutsch: "Küstenwachboot Nr. 119, Küstenwache der Republik Türkei") und ist ein sog. Patrouillenboot mit 29,85 Meter Länge, 4,95 Meter Breite, 1,45 Meter Tiefgang und einer maximalen Geschindigkeit von 25 Knoten (= 46,3 Km/H). Das Gewicht beträgt 70 Tonnen (vollgetankt mit kompletter Deckslast = 85,66 Tonnen).
 

Das Boot wurde 1959 in Deutschland von der Schweers Schiffswerft in Bardenfleth zusammen mit 3 weiteren identischen Booten im Auftrag der türkischen Regierung gebaut und am 19. Januar 1960 von der türkischen Marine in Dienst gestellt. Es war als "KW 15" (Küstenwachboot 15) klassifiziert, aber hier scheint es sich eher um eine generelle Typenbezeichnung als um eine korrekte Schiffsklassifizierung zu handeln. Das "richtige" KW 15 versah bis 1993 seinen Dienst in Deutschland und wurde dann an die kasachische Marine verkauft ( lt. Schiffsnummernverzeichnis des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung).
 

Bauart und Schiffstyp von TC SG 119 entsprechen Bauplänen der Lüßenwerft Bremen-Vegesack
aus dem Jahre 1951. Auftraggeber der ursprünglichen Baureihe war die US Navy, die für Ihre "Weser, Elbe and Rhine River Patrol" schnelle Boote mit leichter Bewaffnung als eine Art "Flußpolizei" (Überwachung und Verwaltung der zivilen Schifffahrt auf den Binnengewässern der amerikanischen Zone) einsetzen wollte. Die ursprüngliche Klassifizierung war somit "P" (= Patrouillenboot, USN 57), insgesamt wurden 10 Schiffe dieser Bauart von der US Navy in Auftrag gegeben, jedoch wurden nicht alle Boote für die "River Patrol Services" eingesetzt.

Aufgrund der hohen "Beliebtheit" wurden später von 5 verschiedenen deutschen Werften (Lüßenwerft, Schweers, Abeking und Rasmussen, Burmester sowie der Schurenstedt Werft) gleich mehrere Schiffe dieser Art gebaut, die aufgrund wechselnder Einsatzarten oft die Klassifizierung wechselten (u.A. geführt als KW 11-20, USN 54-59, H 15-20, M 2671 - 2680, FL), später dann aber in der Klasse "KW-18" im Schiffsnummernverzeichnis der Bundesmarine zusammengefasst wurden. "KW" steht hierbei für Küstenwachboot, "USN" für US Navy, "H" für Hafenschutzgeschwader, "FL" für Flugsicherheitsboot und "M" für Minenräumboot.
 

So war z.B. "P1" (Patrouillenboot 1, gleicher Bautyp wie TCSG 119) in 1952 der ganze Stolz des neugegründeten Bundesgrenzschutzes, wechselte 1956 zum 1. Hafenschutzgeschwader der Bundesmarine, (Umklassifizierung in Klasse "H") kam dann als Flugsicherheitsboot der Marineseenotstaffel zum Einsatz (Umklassifizierung in Klasse "FL"), verbrachte seine letzten Dienstjahre als Sicherheitsboot beim Flakschießplatzkommando Todendorf des Territorialkommandos Schleswig-Holstein und dient nun seit 1997 der Marinekameradschaft Landau an der Isar als Vereinsheim. 
 

Ein derartig "solider" und vielseitiger Bootstyp erweckte dann auch das Interesse des türkischen Militärs, welches seit Jahrzehnten ohnehin Hauptabnehmer deutscher Militärtechnik ist. Und "made in Germany" schwimmt immer noch! Das Schwesterschiff der TCSG 119, die TCSG 113 versieht nach wie vor in Kas/Türkei als Küstenwachboot ihren Dienst... Ausfahrten bei schwerer See versucht man aber zu vermeiden, um die Geduld der "alten Dame" nicht unnötig zu strapazieren.
 

Vom 19. Januar 1960 bis zum 15. Juli 2010 patrouillierte TC SG 119  über 50 Jahre lang in den Gewässern von Mersin, Izmir, Antalya und Alanya.
 

Nach seiner Außerdienststellung in 2010 war die weitere Verwendung zunächst nicht geklärt. Üblicherweise werden die Schiffe abgewrackt oder verkauft. Jedoch wächst das Interesse von Tauchschulen überall an der türkischen Küste, alte Boote der Küstenwache als neue Tauchattraktionen einzusetzen. Man steht schon fast Schlange, um ein Boot zu ergattern. Eindeutig klar zu erkennen ist der Wunsch, in einem hoffnungslos überfischten Mittelmeer neue Highlights für den Tauchtourismus zu schaffen. Die Erschaffung neuer Lebensräume für marines Leben ist natürlich ein weiterer Aspekt, jedoch oft leider eher sekundär.

Es ist letztendlich dem Einsatz des "Kaymakams" (wie der deutsche Landrat), dem Kommandanten der Küstenwache der Region Kas, sowie dem Regierungsbeauftragten der Sparte "See Tourismus" zu verdanken, daß TC SG 119 der Tauchschulenvereinigung von Kas gespendet wurde, um fortan als neue Tauchdestination zu dienen. Der Kaymakam von Kas wurde direkt nach Amtsantritt übrigens 2010 vom Autor höchstselbst im Rahmen eines Schnuppertauchens in die Wunderwelt der Meere eingeführt und ist nun der wichtigste Förderer des hiesigen Tauchtourismus.

Die Versenkung sollte natürlich entsprechend "medienwirksam" durchgeführt werden und somit wurde das sog. Likya Festival (findet jedes Jahr im Juni in Kas statt) als Termin festgesetzt, Stichtag 25.06.2011.

Bereits einen Monat vorher wurde das Schiff von Mersin nach Kas überführt, gründlich ausgeräumt sowie von allen Ölen und Fetten befreit. Außerdem wurden 14 Tonnen Beton in den Rumpf gegossen sowie oberhalb der Wasserlinie diverse Fenster in den Schiffskörper geschnitten, um ein "fachgerechtes" Sinken zu gewährleisten. Diese Vorbereitungen dauerten 4 Wochen an und wurden auf freiwilliger Basis von diversen sachverständigen Tauchprofis aus Kas durchgeführt. Auf "dem letzten Drücker" wurde dann erst 17 Stunden vor geplanter Versenkung das angehende Wrack auf seine umweltverträgliche Sauberkeit überprüft und endgültig zur Versenkung freigegeben. Die Säuberung des Wracks und die nötige Sorgfalt waren in jeder Hinsicht vorbildlich.

Das Wrack
Das Wrack liegt auf dem Kiel in einer horizontalen Schräglage von ca. 30 Grad. Das Heck ruht auf sandigem Meeresgrund in 21,6 Meter Tiefe, mittschiffs in ca. 17 Meter liegt es auf einem großen Felsblock auf. Die gesamte vordere Hälfte des Wracks streckt sich ungestützt ins blaue Freiwasser. Die flachste Stelle des Wracks ist der Bug mit 10,8 Meter Tiefe.

Der dazugehörige Tauchplatz wird "Neptun Riff" genannt, im türkischen oft "Üc Kaya" (= Die 3 Felsen). Sichtweiten von 25-30 Meter sind am diesem Tauchplatz die Regel, an Ausnahmetagen können sogar 40 Meter Sichtweite möglich sein.
Ob dieser Platz der Versenkung nun weise gewählt war, ist leider zu bezweifeln. Aufgrund des flachen Wassers, der erheblichen Schräglage sowie der lediglich 2 Auflagepunkte des Schiffsrumpfes steht leider zu befürchten, daß dieses Wrack im Laufe der nächsten Winterstürme entweder ins tiefe Wasser abrutschen, umkippen oder sogar auseineinderbrechen könnte. Es können auch alle 3 genannten Fälle zusammen auftreten.

Es ist bei genauem Hinsehen eine deutliche Verformung des Kiels zu sehen, die durch das mittschiffige Aufschlagen auf dem Felsen entstand. Selbst bei voll funktionstüchtigen Booten dieser Baureihe schon immer ein Schwachpunkt gewesen (diese Baureihe ist eine um ca. 4 Meter verlängerte Version der usprünglichen "River Patrol Boats" der US Navy ) ist es nun durch den Aufschlag zu einer vorprogrammierten Sollbruchstelle mutiert. Auch das Heck hat nun eine deutliche Delle dort wo das Schiff zuerst den Grund berührte.

Das TC SG 119 Wrack ist durch seine moderate Tiefe leicht zu betauchen und auch für Anfänger geeignet, solange das Wrack von außen und mit einem Sicherheitsabstand von mindetens 1 Meter betaucht wird. Die wahre Schönheit dieses Schiffes ergibt sich ohnehin durch die majestetische Lage und den filmkulissentauglichen Anblick beim Antauchen aus ca. 20 Meter Entfernung.

Erfahrene Taucher mit entsprechender Wracktaucherfahrung können auch Innenbereiche des Wracks betauchen. Der Kommandantenstand, der Maschinenraum, der Machinentelegrafenraum sowie der Funkraum können betaucht werden. Allerdings sind überall noch scharfkantige Gegenstände wie Metallplatten, herausragende Schrauben und beim Kommandantenstand sogar gesplitterte Glasscheiben vorhanden, hier ist also extreme Vorsicht geboten.

Bei vorsichtiger Annäherung (Schrauben undGlas!) können aber die meisten Räume des Wracks auch von außen betrachtet werden, ohnehin sind alle Räume sehr beengt und bieten nur einem Taucher zur Zeit Platz.

Die Geschützkammer und das Munitionsdepot am Vorschiff wurden verschweißt und sind nicht zugänglich. Die Lafette des Bordgeschützes (20mm Kanone) kann aber betrachtet werden. Verlockend aber auf gar keinen Fall ratsam ist der Versuch, den Kiel des Schiffes zu untertauchen.

Natürlich wurde das Schiff vor der Versenkung komplett entkernt, die Maschinen, Bordkanone sowie sämtliche Elektronik und Waffensysteme wurden entfernt. Der Maschinentelegraf ist erhalten und zeigt "Maschine Stopp" an.

24 Stunden später: Das aufgewirbelte Sediment hat sich vollgeständigt gesetzt. Ein paar Mönchsfische erkunden bereits neugierig Ihr neues Zuhause und ein kleiner Zackenbarsch hat im Kommandostand Posten bezogen. Wie sich dieser Fremdkörper auf das Ökosystem Mittelmeer auswirkt und in welchem Maße und Umfang marines Leben die TC SG 119 als neue Wohnstatt in Beschlag nimmt (oder auch nicht) muß über die Jahre beobachtet werden. Momentan sind Sporttaucher die hier am häufigsten anzutreffende Lebensform
;-)

Mit respektvollem Dank an Herrn Selami Kapankaya (Kas Kaymakam, Landrat von Kas) für die Erteilung der Sondergenehmigung, die TC SG 119 als erster Ausländer betauchen und fotografieren zu dürfen.

Mit freundschaftlichen Dank an Erol und Selin Öztunali von "sunDiving" Kas für Bereitstellen der Tauchlogistik, Erwirken der nötigen Genehmigungen, motivierende Worte und für das Finden von Lösungen in letzter Sekunde.

Mit kollegialem Respekt an alle an diesem einzigartigem Projekt Beteiligten.


Rico Besserdich

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