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Kapitel 2: "Take The Lead!"

In der Einführung des Fotokurses vor einem Monat haben wir gelernt, das nichts falsch dran ist, aus Freude etwas rum zu knipsen und sich nachher blaue Anglerfische auf blauem Hintergrund ins Album zu kleben. Ich gehe aber davon aus, dass das nicht euer Anspruch an die Unterwasserfotografie ist.

Der erste Schritt dazu ist, den Auto-Modus zu vergessen und selber die Kontrolle über die Kamera zu übernehmen. Ich hoffe ihr habt dran gedacht und für diesen zweiten Teil die Bedienungsanleitung hervorgeholt.
Kompaktkameras, aber auch die andern Kameras im Auto Modus sind darauf getrimmt, "anständige" Bilder in jeder Bedingung zu machen. Sie kombinieren die Verschlusszeit, die Blendenöffnung und die Lichtempfindlichkeit zu einem mindestens einigermassen richtig belichteten Foto. Häufig, vor allem unter grenzwertigen Bedingungen wie sie unter Wasser haben, geht das auf Kosten der Schärfe, der Körnung oder der Tiefenschärfe.

Ihr wisst was ich meine. Diese knapp nirgends richtig scharfe Bilder aus der Tiefe, wo das Licht knapp ist. Die Kamera stellt auf 1/30s Belichtungszeit, öffnet die Blende maximal, auf z.B. f/2.8 und schraubt die ISO hoch auf 800 oder gar mehr. Was wir dann sehen ist ein verwackeltes Motiv (Bewegungsunschärfe) auf unscharfem Hintergrund (was ja durchaus gewollt ist) und mit einer hässlichen Körnung.


Wie lösen wir dieses Problem?
Einerseits mit externem Licht, wie wir dies in Kapitel 1 besprochen haben.
Dann gehen wir an die Einstellungen der Kamera:
Zuerst stellen wir die bestmögliche Bildqualität ein. Raw ist das Beste für die Nachbearbeitung, aber es muss auch wirklich jedes Bild einzeln nachbearbeitet werden. Raw + Jpeg bringt uns zwei Bilder, eines zum Nachbearbeiten und eines zum sofort rumzeigen, was sich gerade im Urlaub aufdrängt um beim Dekobier an der Bar was zeigen und Fische bestimmen zu können.

Warum man Raw immer bearbeiten muss? Das Raw-Format speichert das Licht wie es auf den Sensor kommt. Keine Schärfung, kein Kontrast, keine Sättigung wurden angepasst wie sie die Kamera sonst automatisch (aber manuell einstellbar) macht um die Bilder dann als Tiff oder Jpeg zu speichern. Wer kein Raw hat, sollte das Format Tiff verwenden, da dieses Format im Gegensatz zu Jpeg nicht komprimiert ist und sich damit besserem Erfolg noch Anpassungen vornehmen lassen.
Dann übernehmen wir die Kontrolle der Belichtungszeit, der Blendenöffnung und der ISO-Zahl (Lichtempfindlichkeit). Dazu drehen wir das Modusrad von AUTO weg auf M. Was bedeuten diese Buchstaben?

A - Aperture (= Blendenöffnung):
Die Blende öffnen (=tiefe f/Zahl) heisst, dem Sensor mehr Licht bringen. Dafür wird die Tiefenschärfe immer geringer. Das heisst, in der Distanz gesehen wird der Schärfebereich kleiner. Nun, das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. zum Freistellen oder für die sogenannten Bokeh-Shots ist dies Voraussetzung. Wer gerne Bokeh's ausprobiert sollte darauf achten, dass mindestens die Augen des Motivs scharf sind.
Kompaktkameras haben in der Regel eine grössere Tiefenschärfe als DSLR oder die micro Four Thirds. Für gute Bokeh-Shots sollte die Blende wirklich ganz offen oder offen minus 1 Schritt sein.
Schliessen wir die Blende (=hohe f/Zahl) weitet den Schärfebereich, dunkelt aber das Bild ab. Wir müssen von anderswo mehr Licht bringen (externe Lichtquelle, Verschlusszeit, ISO). In der Makrofotografie sollte dies aber kein Problem darstellen.

S - Shutter speed (= Verschlusszeit)
Je schneller die Verschlusszeit, desto schärfer werden die Fotos. Bewegungen frieren ein. Eine alte Regel besagt, die Verschlusszeit sollte "1/die doppelte analoge Brennweite" sein.
Was nun die wirkliche analoge Brennweite ist, müsst ihr in der technischen Spezifikation eures Kameramodells herausfinden. Gerade bei Kompaktkameras ist diese sehr unterschiedlich, häufig aber so um den Faktor 6. Das heisst, eine Kompaktkamera mit Brennweite von 5.0-25.0 ist mit analogen Massstäben c.a. 30 - 150mm. Voll ausgefahren sollte man dann also mit 1/300s fotografieren. Mit wirklich guten Stabilisatoren kann man auch etwas tiefer gehen. Da muss man einfach rumspielen und herausfinden, was die Kamera verträgt.
Für Unterwasserfotografen gibt es eine gute Nachricht. Die Blitze, wenn sie den stark überwiegenden Teil des Lichtes liefern, frieren die Bewegungen ebenfalls ein. Denn die Dauer eines Blitzlichtes ist rund 1/1000s kurz.  Liefern die Blitze einen geringeren Teil des Lichtes, ist es möglich, die Bewegungsunschärfe zu sehen, aber mit einem Scharfen Teil in der Bewegung. Tipp: Stelle den Blitz auf "2nd curtain" (zweiter Verschlussvorhang) ein, dann ist der Fisch in der Bewegungsunschärfe und zuvorderst in der Bewegung scharf, was ein beliebter fotografischer Stil ist.
Wer an seiner Kamera keine Möglichkeit zur Wahl eines vollmanuellen Modus hat, sollte wenigsten A = Blendenvorrang oder S= Verschlusszeitvorrang wählen um mindestens einer der beiden Paramater unter Kontrolle zu haben. Wo ihr diese Parameter dann auch einstellen könnt, verrät euch die Bedienungsanleitung.

Sollen Unterwasserfotografen mit A oder S die Belichtung regulieren?
Dazu gibt es ein simple Regel:
Kontrolliere den Blitz mit der Blende.
Kontrolliere das Umgebungslicht mit der Verschlusszeit

ISO
Die Lichtempfindlichkeit steuern wir häufig nicht über irgendwelche Rädchen. Bei einigen Kameras muss man ins Menu rein und dort die Einstellungen machen (--> Manual).
Je höher die ISO-Zahl ist, desto weniger Umgebungslicht ist nötig, um korrekt belichtete Bilder zu erhalten. Aber der Nachteil ist, dass die Bilder immer körniger werden, je höher diese Zahl ist. Die beste ISO Zahl ist 100-200. Gute Resultate gibt es bei Kompaktkameras bis ISO 400 eventuell auch höher, je nach Kamera.
Das wichtigste: Übe viel, auch an Land. Beobachte das Resultat und lerne deine Kamera in und auswendig kennen. Das macht dich schneller unter Wasser, wo die Motive dann ziemlich schnell wieder weg sein können.

Das nächste Mal lernen wir etwas über den Weissabgleich, den Makromodus und wir lernen die Schärfe noch besser in den Griff zu kriegen.



Bildlegende "Red Gobi on Red Sponge"
Beispiel eines Bokeh-Shots. Nur das Gesicht des Gobi ist scharf, während der Rest in Unschärfe und mit dem Hintergrund versinkt. Dieser Effekt wird erreicht durch eine offene Blende (tiefe f/Zahl). Nahlinsen verstärken den Effekt, da sie die Tiefenschärfe ebenfalls vermindern. Eventuell muss dann die Blende etwas geschlossen werden.