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Azoren - Haitauchen im Atlantik

Die Azoren gelten auch heute noch als Geheimtipp und werden nicht um sonst Galapagos des Atlantiks genannt. Aufgrund ihrer geographischen Lage, 1500 km vor Portugal ist durch das wechselhafte aber warme Wetter rund um die neun Inseln ein wahres Paradies sowohl über als auch unter Wasser entstanden. Inselbewohner sagen, dass man hier alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben kann.

Neben dem Tauchen gibt es auch andere Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Radfahren oder Wanderungen durchs Hochland. Unter anderem besteht auch die Möglichkeit den Vulkan Pico zu besteigen, der mit seinen 2351 Metern der höchste Berg Portugals ist. Der Aufstieg ist eine wahre Herausforderung und hat mir einiges abverlangt, doch beim Anblick des atemberaubenden Panoramas waren die Strapazen vom Aufstieg schnell vergessen. Bei Schlechtwetter kann man auch einen Abstecher in die Gruta das Torres (die Höhle der Türme) machen. Sie liegt in einem kleinen Ort namens Criação Velha auf der Insel Pico, der sich nur ca. 15 km von Madalena entfernt befindet. Mit einer geschätzten Länge von gut 5 km ist sie vermutlich die längste Lavahöhle der Azoren und auf alle Fälle einen Besuch wert. Ebenfalls lohnt es sich ein Auto zu mieten und bei dem ehemaligen Walfänger Ort Lajes an der Südküste vorbeizuschauen. Die alten Fischerhäuser am Hafen wurden umgebaut und beherbergen jetzt ein Walfangmuseum, eine kleine Pension, eine Gaststätte, sowie eine Walbeobachtungsstation. Beim Rückweg kann man eine Route durchs Hochland wählen, welches durch seinen üppigen Bewuchs durch zahlreiche endemische Pflanzen und auch einigen Kraterseen eine herrliche Landschaft bietet. Man sollte allerdings mit Vorsicht fahren, denn ca. 60000 Rinder laufen im Hochland frei umher. Sehenswert sind auch die Weinanbaugebiete, die ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Landschaft sind und 2004 sogar von der UNESCO als Welterbe eingestuft wurden. Obwohl die Gewässer rund um die Azoren jedes Jahr zahlreiche Forscher und Filmteams anlocken, sind sie dennoch vom Massentourismus, sowohl über, als auch unter dem Meeresspiegel größtenteils verschont geblieben. Der eigentliche Grund meines Besuches auf den Azoren war an einem der besten Plätze weltweit mit Blauhaien auf Tuchfühlung zu gehen und einen Partner wie Tiago und Joana zu finden.

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Unser erster Tauchgang startete um acht Uhr morgens. Wir nahmen direkt Kurs Richtung Condor Banks, die ca. 5 Seemeilen vor Faial liegen. Das Plateau erhebt sich bis auf 180 Meter unter der Wasseroberfläche aus der Tiefe und ist mehrere Seemeilen lang. Wir haben es anhand der gespeicherten GPS Daten sofort gefunden und begannen auch sofort vom Boot aus das tiefe Blau des Meeres nach einem ersten Schatten zu durchsuchen. Unser Guide ein Meeresbiologe und enger Mitarbeiter des Haiforschers Dr. Erich Ritter, war damit beschäftigt das Bait ins Wasser zu lassen und mit einer Fischsuppe eine Duftspur zu legen.
Wir waren sehr verblüfft, als sich der erste Hai schon nach nur 3 Minuten zeigte. Vorsichtig umkreiste er den Köder und zog seine Kreise immer enger. Es dauerte nicht lange bis sich auch ein zweites Exemplar in der Nähe unseres Bootes blicken ließ. Nach einigen Minuten wagte sich unser Guide ins Wasser um die Lage zu checken. Beim Tauchen mit Haien sind gewisse Regeln zu beachten, denn Hochseehaie sind absolut keine Streicheltiere. Das Verhalten und den Umgang mit den Tieren hatten wir natürlich vor dem ersten Tauchgang in einem ausführlichen Sharkbriefing besprochen. Eine davon besagt, dass der Tauchguide stets der erste und zugleich auch der letzte im Wasser sein muss. Endlich bekamen wir grünes Licht. Vorsichtig rutschten wir ins Wasser, denn jeder Lärm oder hastige Bewegungen könnten in dieser Situation die Haie erschrecken und zu unerwünschten Reaktionen der Meeresbewohner führen.

Unter Wasser teilten wir uns in zwei Gruppen auf, eine tauchte Richtung der Strömungsleine, die am Bug befestigt war und die andere Gruppe zu der Leine am Heck. Die Bedingungen an diesem Tag waren nahezu perfekt: 23 Grad Wassertemperatur, 30 Meter Sicht, einen spiegelglatten Atlantik und einige wunderschöne Blauhaie um uns. Nach einigen Minuten im Wasser blickte ich zum Köder, der sich unter uns befand. Plötzlich kam einer dieser Jäger aus der Tiefe. Er wollte nicht wie zunächst vermutet zum Köder, denn er steuerte direkt auf mich zu. Ich war ziemlich angespannt und dachte mir: "Das fängt ja gut an. Jetzt unbedingt ruhig bleiben." Ich blickte ihm direkt in die Augen und sein Blick richtete sich ausschließlich auf mich. Nicht einmal eine Armlänge vor mir drehte er dann ab, sodass ich das Tier genauer betrachten konnte.

Es handelte sich bei dieser Begegnung um einen stattlichen Blauhai mit ca. 3 Metern Länge. Ich war noch immer total auf diesen Hai fixiert und konnte nur mehr beobachten wie er mit seinen riesigen Brustflossen und seiner langen Nase elegant ins Blaue verschwand. Mein nächster Blick ging in Richtung Guide, in dessen Gesicht sich bereits ein großes Grinsen breit machte.

Nach dieser ersten Aufregung brauchte ich kurz um wieder zu Atem zu kommen, doch es dauerte nicht lange bis derselbe Blauhai zurückkam. Doch diesmal stürzte er sich auf die als Köder verwendeten Thunfischköpfe. Wir durften ihm zusehen, wie er mit seinem kräftigen Kiefer zubiss und mit heftigen hin und her Bewegungen große Stücke herausriss. Während dieses Schauspiels kamen etliche kleinere Haie vorbei um sich die Thunfischstücke zu ergattern, die in die Tiefe sanken. Als die Fische dann satt gefressen waren, nahmen sie uns wieder genauer unter die Lupe. Sie zeigten heftige Reaktionen auf die elektrischen Impulse unserer UW-Blitze, die an unseren Kameras montiert waren. So blieb es nicht aus, dass man den einen oder anderen Schupser von den Blauhaien einstecken musste. Bei der ganzen Aufregung verging die Zeit wie im Flug und nach 90 Minuten zeigte mir mein Tauchcomputer an, dass ich leider das Reich des "Blauen" wieder verlassen musste.

Da für mich das Tauchen mit Haien die größte Leidenschaft ist, habe ich natürlich schon einige Reisen hinter mir. Darunter waren unter anderem eine Tigerhai-Safari auf den Bahamas und eine Begegnung mit dem großen Weißen in Guadalupe, doch das Erlebnis mit den Blauhaien auf den Azoren steht dem in nichts nach.

Bei den Überfahrten hatten wir des Öfteren Wal- und Delfinbegegnungen, was nicht verwunderlich ist, da man hier saisonal bis zu dreißig verschiedene Fisch bzw. Säugetierarten antreffen kann. Bei unserer Rückfahrt entdeckte unser Kapitän sogar einen Pottwal, woraufhin er natürlich sofort Kurs auf das riesige Tier nahm. Als wir dann dem Wal schon relativ nahe waren wuchtete sich der fünfzehn Tonnen Koloss direkt neben unserem Zodiak aus dem Wasser. Das war für uns alle ein unvergesslicher Augenblick. Zu einem weiteren Höhepunkt gehörte auch sicher die Ausfahrt nach Pricess Alice, wobei wir aber einen wilden Ritt über den Atlantik mitmachen mussten. Dieser Unterwasserberg liegt ca. 85 Kilometer vor Faial und ist mit Sicherheit einer der Top Tauchspots im atlantischen Ozean. Man kann hier nicht nur Mobula Gruppen mit bis zu 50 Tieren, Bonitos und Barracudas betrachten, rund um Princess Alice wurden sogar schon Mondfische gesichtet. Wir betauchten das Plateau, das bei 37 Metern beginnt und dann mehrere tausend Meter steil abfällt.
Wir gingen über die Ankerleine in die Tiefe und mussten feststellen, dass wir unseren Anker nur knapp neben einem riesigen Seeteufel platziert hatten. Da zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Strömung war, konnten wir uns den Unterwasserberg in aller Ruhe ansehen. Nach zehn Minuten begannen wir dann langsam mit dem Aufstieg und bekamen direkt eine Gruppe Mobulas vor die Linse. Die ca. zwanzig Stück waren keineswegs scheu, sie näherten sich uns bis auf wenige Zentimeter. Während wir diese Meeresbewohner betrachteten zogen auch immer wieder Barracudaschulen, so genannte Jacks, an uns vorbei. Da sich die Mobulas auch gerne an der Wasseroberfläche aufhalten, hatten wir die Gelegenheit zwischen den beiden Tauchgängen mit ihnen zu Schnorcheln. Nach diesem Erlebnis muss ich sagen, dass dieser Tauchplatz auf alle Fälle die anstrengende Anreise im Zodiak Wert war.

Wer den wilden Ritt über den Atlantik scheut, kann natürlich auch in Küstennähe tauchen. Hier einige der bekanntesten und beliebtesten Plätze: Nur drei Minuten von der Basis entfernt liegt der Tauchplatz Ilhéus, bei dem man einen eingestürzten Krater bewundern kann. Dieser Ort bietet zahlreiche Durchgänge ins Innere des Kraters, sowie beeindruckende Torbögen und sehr komplexe Steinstrukturen. In diesem felsigen Gebiet gibt es auch kleinere Grotten, in denen man verschiedenste Arten antreffen kann. Wie zum Beispiel Muränen, Bärenkrebse, Skorpionfische und allerhand Nacktschnecken. Auf den freien Sandflächen rund um den Krater, kann man bei fast jedem Tauchgang riesige Stachelrochen finden. Die Sandflächen dienen als Geburtsplätzte der Rochen und man kann mit etwas Glück dieses wunderbare Naturschauspiel in Ruhe beobachten. Ein weiterer toller Tauchplatz ist der Baixa do Sulca, der sich ca. 7 Minuten von Madalena entfernt befindet. Dieser Spot liegt im Kanal zwischen Pico und Fajal und besteht im Wesentlichen aus einem Unterseeberg. Dieser kommt bis auf 6m an die Wasseroberfläche heran und geht in etlichen Stufen bis auf über 50 Meter in die Tiefe. Dort herrschen teilweise sehr starke Strömungen, doch wenn man ein bisschen Glück hat, kann man an diesem Ort viele Schwarmfische beobachten. Unter anderem kann man dort Barracudas, Makrelen, Bonitos, Tunas, Grouper, Stachelrochen, Adlerrochen und im Sommer sogar ab und zu Mobulas und Mondfische beäugen.

Abschließend kann ich sagen, dass die Reise auf die Azoren alle meine Erwartungen bei weitem übertroffen hat und sie immer für Überraschungen gut sind. Ich habe schon etliche Tauchreisen hinter mir und denke wer nicht unbedingt 28 Grad und bunte Korallen braucht, findet hier eine gute Alternative "direkt vor der Haustür". Der Blauhai zählt leider zu den am meisten befischten Arten und ist dadurch potenziell gefährdet. Es ist erschütternd, dass alleine in den Gewässern rund um die Azoren jährlich ca. 750.000 Haie gefangen werden, von denen die Flossen nach Asien verkauft werden und die Körper zum Teil einfach wieder ins Meer geworfen werden. Es ist leider auch nicht möglich ein Meerschutzgebiet einzurichten, da Blauhaie ständig auf der Suche nach etwas Fressbarem sind und dadurch Wanderungen von mehreren tausend Kilometern absolvieren. Das Ziel wäre, ein weltweites Finning-Verbot zu erwirken, was aber tragischer Weise nur eine Zukunftsvision ist. Man sollte aus deshalb auf alle Haiprodukte verzichten, denn: "Ohne Haie stirbt das Meer"


Liebe Grüsse
Michael


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