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Cocos Island - Costa Rica

Das unregelmäßige Rollen des Bootes auf den großen Wellen des Pazifiks spaltet unsere Reiseteilnehmer in zwei Lager. Diejenigen, die es lieben von den rhythmischen Bewegungen des Schiffes in den seligen Schlaf geschaukelt zu werden, und den weitaus größeren Teil derer, die es vorziehen die frische Luft an Deck zu genießen und ihr Abendessen zu überreden, sich nicht über die Reling zu verabschieden! Die Überfahrt von Punta Arenas nach Cocos Island dauert rund 36 Stunden, also zwei Nächte und einen Tag und nur harte Seebären oder schlaue Menschen, die es vorzogen wirklich wirkungsvolle "Seekranktabletten" zu sich zu nehmen, sind am zweiten Abend noch beim Dinner anzutreffen. Warum wir uns das alle antun? Nun, während der Regenzeit ist Cocos Island eigentlich ein ungastliches Eiland, doch mit dem Regen kommen die Haie...

Wer "Jurassic Park" gesehen hat, weiß wie es auf der kleinen, unbewohnten Insel 360 Seemeilen vor der Küste Costa Ricas aussieht. Es lebendort zwar keine Saurier, aber auch ohne sie zählt die "Kokos-Insel" zu den vielfältigsten und außergewöhnlichsten Biotopen der Erde, ist Nationalpark und zugleich seit 1997 Weltnaturerbe der UNESCO. Fauna und Flora sind intakt und viele Pflanzen- und Tierarten, die man hier antrifft, sind endemisch. Bislang wurden 235 Pflanzen-, 362 Insekten- und 85 Vogelarten erfasst - das unglaublich vielfältige und zahlreiche Leben unter Wasser nicht eingerechnet. Ein echter Meilenstein und neben den Galapagos Inseln und Malpelo ist die "Isla de Coco" noch ein echter Geheimtipp für Taucher. Allerdings ist mit teils schwierigen Tauchbedingungen zu rechnen und es empfiehlt sich, wirklich fundierte Tauchkenntnisse und entsprechende Erfahrung mitzubringen. Strömungen, Dünungen und hohe Wellen, sowie Freiwasserabstiege und Blauwasserdrifts stehen auf der Tagesordnung. Auch schränkt der hohe Planktongehalt die Sicht teilweise ein. Die absolute Entschädigung dafür sind aber unzählige Großfische: jede Menge unterschiedliche Haiarten bis hin zu den legendären Hammerhaischulen, die den Himmel verdunkeln, 
Delfine, Makrelenschwärme, Mantas und Mobulas, Adlerrochen, Schildkröten, Tunas - und das alles inmitten einer regelrechten "Fischsuppe". Glückliche haben hier sogar gute Chancen, Walhaie anzutreffen.

Ein schrilles Glockenläuten schreckt die wenigen Schlafenden auf und plötzlich werden die Motoren leiser. Nach "nur" 32 Stunden ununterbrochener Überfahrt hat die "Undersea Hunter" ihr Ziel erreicht und ankert in der geschützten Lagune vor Manuelita, wo die Wellen kaum noch merkbar sind und die Gesichtsfarben der Reiseteilnehmer wieder zurückkehren. Wir sind zwar fast am Äquator, doch die Lufttemperatur beträgt, genauso wie die Wassertemperatur, nur ca. 25° Celsius. Kaum wird es hell, heißt es Briefing, ran ans Tauchzeug und ab zum Checkdive. Den darf man sich hier aber etwas anders als üblich vorstellen. In so manchem Taucherleben wurde nicht soviel gesichtet, wie bei dem ersten Tauchgang in der Bucht von Manuelita, wo man sonst üblicher Weise "nur" die Nachttauchgänge macht. Das Tauchen läuft hier übrigens etwas anders als gewohnt ab. Die Order heißt: ran ans Riff, sonst wirst du verblasen, nicht zu knapp beim Tauchpartner aufhalten, denn sonst kommen die scheuen Haie nicht nahe, und an den exponierten Plätzen immer schön zwischen den Felsen verstecken und ordentlich festhalten oder Riffhaken einsetzen. Wer die Tauchgruppe verliert, muss unverzüglich aufsteigen und den Notrufsender betätigen, den man gleich am Jacket montiert bekam.

Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es nun los zu den "richtigen" Tauchplätzen. Wir beginnen am "Dirty Rock" und kaum haben wir rund um die erste Putzerstation Platz genommen, tauchen schon die ersten Haie auf. Es ist faszinierend! Die Hammerhaie lassen sich von den "Yellow Barberfishes" und den "King Angels" gründlich von Parasiten befreien. Es ist eine regelrechte Zeremonie und es gelten strenge Regeln: Man frisst seine "Zahnbürste" und sein "Körperpeeling" nicht auf - und alle halten sich daran. Allerdings findet das herrliche Schauspiel ein jähes Ende, als sich der erste Fotograf zu weit vorwagt und die Putzerstation besetzt. Schlagartig sind alle Hammerhaie weg und die kleinen gelben Fischchen sind ohne Haie nur halb so spannend!
Während noch alle mit den aufkeimenden Mordgelüsten gegenüber dem Fotografen kämpfen, paddelt die Gruppe weiter und versucht ihr Glück ein Stück weiter. Alle lernen schnell und bei der nächsten Putzerstation klappt bereits alles wie am Schnürchen. Mittlerweile ist man etwas verwöhnt und würdigt die unzähligen herumliegenden Weißspitzenriffhaie keines Blickes mehr - wir wollen Hammerhaie sehen! Im Laufe des Tauchganges treffen wir noch eine ganze Schule von Adlerrochen, zwei Galapagoshaie und so viele Schildkröten, dass wir uns veranlasst sehen, den Tauchplatz ab sofort in "Turtle Rock" umzubenennen.

Haierlebnis pur. Nach unserem ersten Tauchtag ist klar: Cocos Island wird seinem Ruf gerecht. Man hat bereits jetzt mehr Haie gesehen, als im ganzen bisherigen Taucherleben, und selbst "alte Hasen", die schon die ganze Welt betaucht haben, sind überwältigt. Tobi, unser Guide, brieft uns nochmals eindrücklich für die nächsten Tage: "Vergesst nicht: Die Haie haben Angst vor euch und wenn ihr wollt, dass sie nahe kommen, müsst ihr euch regungslos hinter den Felsen verstecken und die Luft anhalten." 
Genau das üben wir während der nächsten Tage und bereits nach wenigen Tauchgängen haben wir den "Cocos-Trick" raus - Tauchen mal ganz anders: nicht bewegen, nicht atmen. Richtig zutraulich sind im Vergleich die Weißspitzenriffhaie. Sie liegen tagsüber gelangweilt am Sandgrund oder zwischen den Felsen und dulden jede Art der freundschaftlichen Annäherung - sogar die unserer aufdringlichen Filmer und Fotografen, die sich auf wenige Zentimeter an die Tiere heranpirschen, um die lang ersehnten Close-Ups zu bekommen. Bei manchen Haien kann man noch deutlich die Paarungsbissspuren der vergangenen Wochen erkennen, aber bei einigen Tieren sieht man leider auch die Nachwirkungen der Fischerei und Longlines, die nicht einmal vor Cocos halt machen. Eine  eingerissene Flosse hier, ein halb verrosteter Fischerhaken im Maul da, oder Verletzungen die von Netzen und Leinen verursacht wurden. 
Bei einem Landgang werden uns zu diesem Thema die Augen geöffnet: Nahe der Rangerstation hat man aus den geborgenen Longlines und den dazugehörigen Bojen eine komplette Brücke erbaut und immer noch liegen mannshohe Berge dieser Todesleinen neben der Station. Die Ranger berichten uns, dass sich nachts immer wieder Fischerboote in die Nähe der Insel wagen und die 12 Meilen- Schutzzone einfach ignorieren. Zu verlockend ist der hohe Profit, den sie machen können. Sie beklagen, dass die meisten Fischer in der Nacht mit kleinen Booten kommen und so unbemerkt wieder verschwinden können. Aber immerhin: Eine Handvoll Illegale werden alljährlich geschnappt und anschließend den Gerichten übergeben.

Im Laufe unseres 10-tägigen Aufenthaltes bekommen wir noch einiges an Highlights geboten. Zwar zählen Tauchplätze wie Alcyone oder die Amigos zu den schwierigsten der Welt - und man schlägt ungewollt den einen oder anderen Purzelbaum ob der Dünung - aber sie zu betauchen, zahlt sich aus! Wir treffen auf tausende von Makrelen, in die man hineintaucht, Yellowfin Tunas, riesige Schwärme von Sardinen, die Baitballs formen, fette Zackenbarsche, tanzende Mantas, die durch unsere Blasen angelockt wurden, und als absolutes "Hai"-light noch einen Walhai, der alles andere als scheu ist und mehrere Runden um unsere Gruppe dreht. Beim Auftauchen sehen wir mehrfach direkt unter den Tauchbooten Seidenhaie und von oben stoßen Tölpel (Boobies) ins Wasser und tauchen auf der Suche nach Beute bis zu 20 Meter tief zwischen den Haien und Thunfischen ab. In Silverado sehen wir als Draufgabe noch eine Gruppe von Silberspitzenhaien inklusive Nachwuchs. Ein einziges Mal ist es uns sogar vergönnt, einen Blick auf einen Marlin zu erhaschen - und wären es mit ihren typischen dreieckigen ausgeklappten Rückensegeln nicht so markante Fische, hätten wir ihn in der Schnelle gar nicht identifizieren können.

In einem sind wir uns alle einig: wir sind fasziniert von dieser unberührten Natur, ihrem Reichtum und der unvergleichlichen Schönheit.
Doch jeder Aufenthalt im Paradies geht auch irgendwann einmal zu Ende. Auf der Rückfahrt nach Punta Arenas ist ausreichend Zeit, um die Tauchsachen zu waschen und zu trocknen und um das Erlebte in Logbüchern festzuhalten. Seekrankheit ist nun kein Thema mehr, und die Eindrücke der letzen Tage werden in taucherüblicher Manier aufgearbeitet - sprich man erzählt sich Geschichten. Die Hammerhaischulen werden stündlich größer, die Mantas dicker und die Fischschwärme riesiger.

Doch um bei der Wahrheit zu bleiben:  Cocos ist tatsächlich ein Reiseland der Superlative. Boot, Mannschaft, Gäste, Land und Leute: alles vom Feinsten - und eines ist sicher: wir kommen wieder, das nächste Mal 2012 -wieder Ende September! Bis dahin ist die lange Anreise vergessen und nur noch die gesichteten Haie verbleiben in der Erinnerung - mehr denn je!

Liebe Grüsse
Christine Gstöttner


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