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Des Jägers Hut

Hoch oben in den Bergen des Lungaus steht der Jäger von Tweng und schaut missmutig und ein wenig traurig seinem Hut hinterher.  Sein guter Jägerhut, ein edles Stück mit all seinen Abzeichen, die ihn an so manches Schießereignis der Vergangenheit erinnert haben.

Erinnerungen - für immer verloren. Schuld war eine starke Windböhe am Twenger Almsee , die den Hut vom Kopf gerissen und in den See geschleudert hat.

Ein paar Jahre später findet sich eine, aus Sicht der Wanderurlauber, etwas seltsam ausgerüstete Gruppe im Landhotel Postgut  in Tweng ein. Unmengen an seltsamen Geräten, Kisten, Koffern, Kameras und vieles mehr wird aus den Fahrzeugen entladen und vom Organisator dieser Gruppenreise genauestens unter die Lupe genommen.
Dieser genaue Prüfer ist Harald Hois. Einer der bekanntesten Unterwasserfotografen und Veranstalter des zweimal jährlich stattfindenden Helidivings in Österreich. Und wir? Na wir sind natürlich zum Tauchen hier und wie schon im Vorsatz erwähnt werden wir uns per Helikopter zum Objekt der Begierde bringen lassen - einem weißen Fleck auf der Wasserkarte. Einem bis dato völlig unbetauchten See!
Nach dem sehr gründlichen Ausrüstungscheck durch Harald ist erst einmal etwas Erholung von der langen Anreise angesagt, bevor uns dann nach dem leckeren Abendessen beim Briefing der See vorgestellt wird. Aufgaben zur Dokumentation des Sees werden verteilt und der ganze Ablauf wird peinlich genau besprochen. Schließlich soll am nächsten Tag niemand oben am See stehen und irgendeinen Ausrüstungsgegenstand vergessen haben. Nur wegen des Fluges sind wir ja nicht gekommen. Es soll auch getaucht, dokumentiert und geforscht werden.
Der Abend ist dann recht kurz. Der nächste Tag beginnt früh und jeder möchte fit und ausgeschlafen sein, um ja nichts zu verpassen. Statt Schäfchen zu zählen, wiegt man sich dann also in den Schlaf mit Gedanken an das Wetter, den heute bei der Anfahrt gesehenen frischen Schnee, die dicken Regenwolken am Himmel - wie würde der Tauchtag morgen werden???


Der nächste Morgen. Es ist soweit! Wie schnell kann man ein Brötchen essen? Geht es schneller, wenn man es mit noch fast kochendem Kaffee hinunterspült? Braucht man überhaupt ein Frühstück? Warum sind wir nicht schon los? Wie ist das Wetter? Mann, Mann, Mann! Wie kann man bloß so aufgeregt sein?

Nun, in meinem Fall liegt das zum einen daran, daß ich nichts mehr liebe als unbetauchte Gewässer zu erkunden und zum anderen daran, daß ich aus vorgenanntem Grund bei der Buchung völlig verdrängt habe, daß ich mit einer gehörigen Portion Flug- und Höhenangst gesegnet bin. Da tut sich doch sofort die nächste Frage auf: "Wie kann man bloß so bescheuert sein?"

Gott sei Dank! Das Wetter ist trocken und es ist heiter bis wolkig. Petrus scheint uns gewogen zu sein. Bevor es noch jemand vor Anspannung zerreißt, geht es dann auch schon los und nach kurzer Fahrt sind wir an einem eigens  für uns gesperrten Parkplatz im Skiort Obertauern, laden unsere Tauchkisten aus, ziehen die Tauchanzüge an und warten auf den Heli.
Da!! Man hört ein lautes tiefes Brummen und Knattern, das muß er sein. ES GEHT LOOOOOS!
Fehlalarm - dröhnend fährt eine Gruppe Harleys auf der Paßstraße an uns vorbei. Hmmmmpf!
Auf diesen Mist fallen wir mindestens fünfmal herein. Müssen die mit ihren Maschinen heute hier herumfahren?

Doch dann werden wir endlich erlöst. Ein schnittiger schwarzer Helikopter, wie es sich für Taucher gehört, schwebt über einen Bergkamm auf uns zu. Der Lärm ist ohrenbetäubend und doch zugleich Musik in unseren Ohren. Wie von Harald versprochen, ist der Wind den so ein Fluggerät erzeugt nicht von schlechten Eltern und so bekommt man trotz 10mm maximaler Haarlänge noch einen schicken Seitenscheitel verpasst, bevor die Rotorblätter langsam zum Stillstand kommen.


Ruck-zuck sind Gruppen zu je fünf Tauchern für den Flug eingeteilt,  die Tauchkisten auf  die Transportnetze verteilt, der Heli noch betankt, Kameras bereit gemacht und zum Teil am Heli befestigt  und dann geht‘s ab - hinauf in die Lüfte, hinauf zu "unserem" See.
Meine Gruppe hat den zweiten Flug und so nutze ich die Zeit und halte den Abflug der ersten Gruppe mit der Kamera fest. Wahnsinn wie schnell das geht. Keine 10 Minuten später sitze ich selber schon in der Maschine. Die Kufen verlassen den Boden, wir heben ab. Mit unglaublicher Geschwindigkeit gewinnen wir an Höhe, die Landschaft zieht wie in einem Film an uns vorbei. Je höher wir kommen, um so weiter erstreckt sich in allen Blickrichtungen das herrliche Panorama der Alpen und die anfänglichen kleinen Schneeflecken wachsen zu großen Schneefeldern an. Die Sonne wirft glitzernd ihre Strahlen darüber und läßt alles funkeln wie ein riesiges Diamantenfeld. Dazwischen grünende Wiesen und der hochalpine Wald. Ein wunderschöner Anblick, postkartenreif.


Die Spannung erreicht in Minutenschnelle ihren Höhepunkt. Wir flitzen über einen letzten Bergsattel und während der Helikopter mit einer eleganten Kurve zur Landung ansetzt, sehen wir unter uns zum ersten Mal den See. Tiefblau liegt er da wie ein Schwalbennest am steilen Berghang. Rundherum von Schnee umgeben und zu fast zwei Drittel mit Eis bedeckt! "Ice Ice Baby" - wäre der passende Soundtrack  für diesen "Sommertauchgang". :-)

Kaum sind wir ausgestiegen und haben unsere Ausrüstung zum Sammelplatz gebracht, ist der Heli  auch schon wieder weg und holt die nächste Gruppe nach oben. Wahnsinn!
Klick Klick Klick Klick - die Kameras hören gar nicht mehr auf zu klicken, so wunderschön und so irreal ist die Szenerie, die sich uns bietet. Wir sind alle wie in Trance,  völlig hin und weg. Selbst Harald läßt verlauten, daß er so viel Schnee und dann auch noch Eis auf dem See, bei den Events der letzten Jahre bisher auch noch nicht hatte.
Als eine der ersten Gruppen gehen wir ins Wasser. Erwartungsgemäß ist der See völlig ohne Bewuchs, aber überraschender Weise gibt es ein paar Forellen, die auch gar nicht so klein sind. Die Unterwasserlandschaft ist hauptsächlich geprägt von großen Gesteinsformationen und einem relativ steil abfallenden Seegrund. Das absolute Highlight stellen jedoch die bis ins Wasser reichenden Schneefelder dar, die im flachen Uferbereich spektakuläre Anblicke bieten. Wir erfüllen unsere forscherischen Aufgaben wie Wasserprobenentnahme, Dokumentation von Besonderheiten wie Felsformationen, Holz- (?!) und Fischresten, zeichnen die Wassertemperaturen auf und liefern somit Daten, die in österreichischen Instituten ausgewertet werden.

Nach gut einer Stunde ist der Spaß vorbei, die Finger und die Zehen sind leicht blau gefroren und das Grinsen in den Gesichtern geht  von einem Ohr zum anderen!

Zu seiner Ehre sei an dieser Stelle angemerkt, daß unser Freund Jens als Halbtrockentaucher als letzter aus dem Wasser kam, ganz nach dem Motto - Nur die Harten kommen in den Garten…

Der Rückflug steht an und entsprechend den Temperaturen, Luft 3° und Wasser 3°, geht es nun auch wieder flott nach unten in wärmere Regionen. Schließlich ist eigentlich Sommer!
Ob ich wohl vorne beim Piloten sitzen kann? Mal fragen, dachte ich mir und tatsächlich, ich darf! Es ist einfach nur geil, wenn der Hubschrauber sich nach vorne neigt und es am Hang entlang zurück ins Tal geht - Achterbahnfahren für Große!


Ach so. Meine Flugangst!!! Die hätte ich jetzt fast vergessen. Naja, die muß ich wohl irgendwo unterwegs verloren haben. Das Problem bin ich nun los. Ein anderes habe ich aber dazu bekommen. Wie werde ich es nur schaffen, immer wieder einen Platz bei diesem Event der Extraklasse zu ergattern? Gibt es nicht so etwas wie eine Wildcard, lieber Harald? :-)
Das Problem ist nämlich, daß solche Tauchgänge ein riesiges Suchtpotential haben, zumal wenn sie, wie in diesem Fall, perfekt organisiert und durchgeführt sind. Man kann die Arbeit von Harald und Gerald gar nicht genug loben und ich hoffe, es wird noch lange Jahre heißen:
Dive to the Top! - Wir sind dabei!

Ach ja - fast hätte ich des Jägers Hut vergessen!!!
Ungefähr bei der Hälfte unseres Tauchgangs sah ich plötzlich etwas auf einer Felsplatte liegen. Zuerst sah es fast aus wie ein Stahlhelm, aber bei näherem Betrachten entpuppte es sich als Filzhut mit vielen Abzeichen daran. Schon nachdem ich das Sediment abgeschüttelt hatte, konnte man sehen, daß es sich um einen recht teuer gearbeiteten Hut handelt. Wegen der Abzeichen habe ich ihn mitgenommen und natürlich haben auch die anderen Teilnehmer und Harald mitbekommen, daß der Hut gefunden wurde.
Bei der Jause nach dem Tauchgang, in einer urigen Almhütte, wurde die Geschichte erzählt und an einem der Nachbartische meinte ein einheimischer Zuhörer, daß müsse der Hut vom Jäger aus Tweng sein. Also haben wir den Hut im Hotel für ihn hinterlegt und ich hoffe, er freut sich darüber und trägt ihn mit Stolz und mit all seinen schönen Erinnerungen.

Blubb!
Robert

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