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Lago di San Carlo - Summer on the rocks Juni 2011

"Papa, Papa - darf ich baden gehen?"

Begeistert zerrt ein kleiner Junge an der Hose seines Vaters, der soeben sein Auto auf der Passhöhe des Gotthards geparkt hat, um mit der Familie eine kleine Pause auf der Urlaubsreise zu machen.

"Nein mein Schatz, hier kann man nicht baden. Es ist viel zu kalt!" lautet die leicht amüsierte und auch irgendwie logische Antwort des Vaters.
Doch der Kleine lässt nicht locker und zieht seinen größten Trumpf aus dem Ärmel. "... aber die anderen dürfen doch auch!!"
"Schau doch, auf dem See ist Eis!" Kommt es vom Vater und während er sich weiter dem See zuwendet, weist er seinen Sohn drauf hin: "Kein Mensch badet h... - ooooh!"

Der Rest des Satzes wäre wohl das Wörtchen "hier" gewesen, doch in genau dem Moment hat er die belustigte Gruppe von Leuten in Badehose und Bikini bemerkt, die da am Ufer stand und dem Dialog der beiden zuhörte. :-)


Etwas irritiert schaut er sich um. Alle anderen am Pass haben sich in  warme Jacken, lange Hosen, Pullover gehüllt. Trotz der frühsommerlichen Jahreszeit beträgt die Temperatur hier oben grade mal 8 Grad.

"Was stimmt denn mit denen da drüben bloß nicht?"

Nun, die "Spinner" da drüben waren nach 4 Stunden Fahrt oben auf der Passhöhe angekommen und hatten bei strahlendem Sonnenschein und ein paar kleinen Schönwetterwolken die Eisreste auf dem Lago di San Carlo entdeckt. Was lag für eingefleischte Süßwasserfans näher, als sich in die Badeklamotten zu schwingen und sich auf einen spannenden Tauchgang vorzubereiten?

Also - los geht's! Zur Beruhigung des Vaters und zur Begeisterung des Kleinen haben wir uns natürlich noch in die Neoprenpellen gequält. Auch bei Kaltwassertauchern hat eben alles seine Grenzen :-)


"Papa, Papa - schau mal, dass sind Froschmänner!" rief der Kleine nun begeistert.

Um ehrlich zu sein, waren es 2 Froschmänner und 1 Froschfräulein, aber das spielte ja nun wirklich keine Rolle.

Wir folgten also ziemlich willenlos dem Ruf des dunkelblau bis türkis schimmernden Sees.Der Plan war schnell klar. Als Einstieg haben wir uns die äußerste Ecke an der Straße ausgesucht. Dann sollte es am Ufer entlang zu den im See verbliebenen Eisresten gehen. Zwischen Ufer und Eis schien es genug Platz für uns zu geben und wir wollten sehen, ob es möglich wäre, die Schollen zu durchtauchen.Also wurde sorgfältig die Ausrüstung vorbereitet und nach ausführlichem Buddycheck ging es ins uns unbekannte kühle Nass.

Vielleicht hätten wir Eintritt verlangen oder Geld für Fotos nehmen sollen - der Menschenauflauf war jedenfalls beachtlich.

Der erste Blick unter die Oberfläche!
Schon von weitem waren die Eisschollen im Wasser zu sehen. Ruhig und überraschend dick lagen sie im See, der sich als ziemlich flach herausstellen sollte.
Die Finger der Sonnenstrahlen spielten über den steinigen, bewuchslosen Untergrund und das Wasser schillerte in allen nur erdenklichen Türkistönen.
Wir waren gleich ab den ersten Flossenschlägen überwältigt von der rauen Schönheit dieses Sees!Die Begeisterung bekam einen kleinen Dämpfer, als Jens auf einmal recht energisch und bestimmt auf einen in der Sonne funkelnden Gegenstand deutete. Was sollten seine Handzeichen bedeuten? Explosion??? Erinnerungen an einen Tauchgang in einem Quelltopf wurden wach, bei dem wir zufällig eine alte Handgranate gefunden hatten, als wir den Topf säuberten. Vorsichtig näherten wir uns dem Objekt und entdeckten immer mehr davon. Der ganze Uferbereich liegt voller Mörsergranaten! Wahrscheinlich Übungsmunition neueren Datums, von der Bunkeranlage gleich gegenüber. Trotzdem hielten wir während des gesamten Tauchgangs gebührenden Abstand zu den Dingern - eine "wirkliche Bombenstimmung" wollte schließlich keiner von uns aufkommen lassen.

Am Eis angekommen entpuppte sich dieses als Reste der winterlichen Schneedecke des Sees. Der Schnee war auch noch richtig weich und dem entsprechend wunderbar vom Wasser und dem über den See pfeifenden Wind geformt.
Wir tauchten langsam an der Kante entlang und genossen jeden Augenblick. Die Lichtspiele, die Farben und Formen waren einfach unglaublich schön.
An der engsten Stelle zwischen Ufer und Schneefeld angekommen, wagten wir uns unter den Schnee und durchtauchten die Scholle in ihrer Breite. In der Mitte wurde es fast dunkel und wir waren froh, vorsichtshalber unsere Lampen mitgenommen zu haben. Die Silhouetten der Tauchpartner zeichneten sich schemenhaft im Gegenlicht der freien Wasserfläche ab, durch Risse und Spalten drang gleißendes Sonnenlicht. Was für eine Augenweide!

Langsam dahingleitend schwammen wir wieder ins freie Wasser, drehten anschließend noch eine Schlaufe zum hinteren Teil des Sees und kehrten schließlich zum Ausgangspunkt unseres Tauchgangs zurück.

Ein skurriles, beeindruckendes und unvergleichliches Taucherlebnis in einer der schönsten Regionen der Schweizer Alpen nahm sein Ende und wir packten unsere Ausrüstung zusammen und fuhren weiter in Richtung Verzascatal.
Doch das ist eine andere Geschichte, ...

Blubb!

Robert



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