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Weihnachten mal anders - Beduinen-Style

Schon auf dem Rückflug vom letzten Trip im Oktober meldete sich in uns schon wieder das Fernweh. Vielleicht lag es ja auch an der wenig berauschenden Aussicht auf schmuddeliges Herbstwetter und anschließenden Schneematsch, der zumindest in der Stadt nun wirklich keinen Spaß macht... Wie auch immer, die Idee von einem Trip über die Feiertage verfestigte sich und die in Frage kommenden Ziele wurden kurz überflogen. Leider waren nach zwei Fernreisen nur noch ein paar Resturlaubstage übrig, aber die Feiertage lagen ja dieses Jahr günstig. Dennoch war schnell klar, dass es diesmal doch eher ein Nahziel sein musste, und damit fiel die Wahl auf das Rote Meer.

Mein letzter Trip nach Ägypten war zwar schon ein paar Jahre her, aber die Erinnerungen an "Rudeltauchen" rund um Hurghada und Safaga dennoch nicht völlig verblasst. Das sollte es nicht sein, also erwogen wir Alternativen. Aufgrund der starken Winde im Dezember schied eine Safari leider aus, also suchten wir nach einer eher abgeschiedenen, landgestützten Alternative mit guten Tauchmöglichkeiten. Letztes Jahr hatten wir doch von einer Truppe gehört, die im Süden Ägyptens in einem "Taucherzeltdorf" waren und vom Hausriff total begeistert waren! Nach einer kurzen Recherche war klar, das konnten nur die Ecolodges sein. Wir entschieden uns für Marsa Shagra, offenbar deren Hauptniederlassung. Die Planung ging mit SAM Reisen rasch und unkompliziert und schon fieberten wir dem nächsten Ziel entgegen. Glücklicherweise verging die Wartezeit aufgrund stressiger Projekte im Job wie im Fluge und so war der Tag des Abflugs rasch gekommen - und los ging's!

Die Anreise mit Sun Express verlief völlig problemlos. Dank vorgebuchtem Tauchgepäck (25 EUR pro Strecke) konnten wir insgesamt 70 Kilo mitnehmen, was wir auch bis auf das letzte Gramm ausschöpften, da wir in Erwartung kühlerer Temperaturen diesmal auch ordentlich Klamotten mitnahmen. Die umfangreiche Kameraausrüstung war also diesmal nicht allein schuld, wurde aber natürlich bei der Sicherheitskontrolle wieder ausgiebig auf Sprengstoff getestet. Mittlerweile gehört das für mich ja schon zum Urlaubsstart dazu, quasi eine Art Ritual...
Nach angenehm kurzer Flugzeit von 4,5 Stunden setzte der Jet in Marsa Alam auf und wir begrüßten die Sonne. Herrlich, wieder in der Wärme! Im Flughafen dann ein wenig Durcheinander, weil nicht klar war, ob man nun vor der Passkontrolle noch ein Visum benötigt, oder nicht und die Vertreter von irgendwelchen Reisegesellschaften lautstark versuchten, ihre Schäfchen zusammen zu bringen. Etwas chaotisch, aber lange nicht so krass, wie ich das noch von Hurghada in Erinnerung hatte. Irgendwann lichtete sich der Andrang und auch wir konnten die Passkontrolle passieren. Unser Gepäck war auch schon da und draußen wurden wir schon erwartet. Nachdem der letzte noch fehlende Gast eingetrudelt war, ging es mit einem Kleinbus über nagelneu anmutende Straßen rund 40 Minuten durch die Wüste nach Süden. Immer wieder säumten Bauruinen die Straße, so dass man sich schon ein Bild von den einschneidenden Umbrüchen im Land machen konnte. Im Vorfeld waren wir uns ja auch nicht so ganz sicher, ob man denn aktuell so problemlos nach Ägypten fliegen kann, schließlich war für Sonntag die Volksabstimmung zur Verfassungsänderung angesagt. Schlussendlich haben wir davon vor Ort aber gar nichts gespürt. Das Personal war überaus freundlich und zuvorkommenden und so rückten die Ereignisse "draußen" schon nach kurzer Zeit ins Hintertreffen.

Das Einchecken an der Rezeption ging sehr schnell, da alles bereits organsiert war, und so bezogen wir direkt unser Chalet, das wir aus Respekt vor dem kalten Winterwind dann doch anstelle des ursprünglich zur Rede stehenden Zelts gebucht hatten. War wirklich super: Mit dem runden Kuppeldach über dem Wohnbereich fühlten wir uns ein wenig wie bei den Flintstones... Platz ist jedenfalls genug vorhanden, auch für Koffer und Taschen, es gibt einen großen Schrank für die Klamotten und die Betten sind groß und bequem. Und - das ist wohl vor allem im Winter wichtig - die Dusche ist sau heiß! Da es nachts draußen ja doch ziemlich kalt wurde, war dieser Fakt sehr angenehm. Wobei: Die Zeltbewohner haben diesen Umstand aber sicherlich noch weit mehr zu schätzen gewusst...


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Eigentlich wollten wir gern unseren Checkdive noch am gleichen Tag absolvieren, aber leider ließ sich das nicht einrichten, obwohl wir bereits am frühen Nachmittag ankamen. Nun ja, vielleicht gehört das mit zum "Entschleunigungsprogramm"? So checkten wir zumindest schon mal in der Tauchbasis ein, packten unsere Tauchklamotten aus, die man in abschließbaren Fächern im "Dive-Shade" unterbringen kann (Vorhängeschloss mitnehmen oder für 2 Euro in der Basis erwerben) und meldeten uns für den Checkdive am kommenden Morgen an. Anschließend genehmigten wir uns ein Bierchen und eine Shisha an der Strandbar. Ach, das Leben kann so herrlich sein! Nach dem Abendessen, das im Buffet-Stil gereicht wird und jeden Tag sehr lecker ist, verschwanden wir doch sehr schnell im Nachtlager - früh aufstehen schlaucht halt doch ganz schön!

Am nächsten Morgen dann nach dem Frühstück dreht es sich dann endlich ums Tauchen! Beim Briefing wird einem alles erklärt: Basis, Tauchregeln, Ausfahrten und so weiter, da bleibt nichts offen. Anschließend heißt es anrödeln, Buddy-Teams einteilen und hinein in die Hausbucht. Im Wasser dann noch einmal der letzte Check, insbesondere auch in Sachen Gewicht. Unglaublich, aber wahr: hier braucht man 1-2 Kilo mehr als üblich! Der höhere Salzgehalt fordert halt seinen Tribut. Nachdem wir das geklärt haben, geht es endlich hinein. Wir tauchen in einer Gruppe von insgesamt acht Neuankömmlingen unserem Guide hinterher. Während es anfänglich noch ziemlich trübe ist (klar, Sandgrund und einige Taucher vor uns), wird es rasch klarer und das Gefühl vom Tauchen im Aquarium macht sich breit. Kurzer Blick - Nat bekommt leuchtende Augen. Juhu, deshalb sind wir hier! Nach einer Weile dreht der Guide mit der ersten Gruppe um, während wir beide noch ein wenig weiter Tauchen, um das Riff zu genießen. Toll! Darauf haben wir uns gefreut - intakte Korallen, gute Sicht, viele Fische und vor allem kein Rudeltauchen! Das wird eine schöne Woche!

In den nächsten Tagen erkunden wir mehrfach das tolle Hausriff - mal die Nord-, mal die Südseite. Beide sind doch recht unterschiedlich, aber sehr schön. Schwer zu sagen, welche uns besser gefallen hat. Auf der Nordseite tummelte sich immer ein standorttreuer Makrelenschwarm, der mit weit aufgerissenen Mäulern das Plankton aussiebte. Insbesondere im Nachmittagslicht war das ein unglaubliches Schauspiel. Auf der Südseite dagegen befindet sich ein großer Bommie mit Putzergarnelen, die sich häufig um die roten Zackies kümmerten. Nach ein paar Tauchgängen hat man den Dreh raus und so konnte ich mich ganz auf das Fotografieren konzentrieren. Je nach Stimmung, Tageszeit und Gezeitenstand entschied ich mich entweder für das Macro oder den Weitwinkel bzw. das Fisheye. Toll ist insbesondere der Schlauchboot-Service der Basis, so dass man das Hausriff auf drei verschiedene Arten betauchen kann: Strand rein und raus, mit dem Boot rausfahren lassen und zum Ufer zurück tauchen oder umgedreht... Bequemer kann es eigentlich kaum sein. Das ganze läuft sehr entspannt ab. Man rödelt sich an, entscheidet sich für eine der drei Tauchvarianten und für die Nord- oder Südseite der Bucht, schreibt sich auf der Tauchtafel ein und besteigt das Zodiac. Wenn man sich abholen lassen möchte, gibt man vorher die gewünschte Zeit in etwas an (auch 70 oder 80 Minuten sind kein Problem ;-) und "meldet" sich dann mit der Boje beim Auftauchen zurück. So weiß die Crew wann sie losfahren müssen. Das funktioniert perfekt. Ich war bei jedem Tauchgang erstaunt, wie hervorragend das Riff in Takt ist (Korallen mit abgebrochenen Spitzen muss man wirklich suchen) und wie wenigen Tauchern man unter Wasser begegnet. Und das lag nicht nur an meinem Tunnelblick durch den Sucher...

Auch wenn das Hausriff noch so schön ist, man würde definitiv etwas verpassen, wenn man nicht einige der angebotenen Ausfahrten mitmachen würde. Jeden Tag werden andere angeboten und man kann sich dafür an der Basis anmelden. Dort liegen auch Beschreibungen aus. Gebucht wird über einen großen Touchscreen, über den man auch den Buchungsstand erfährt, so dass man schon eine Indikation erhält, ob die Tour stattfindet (es gibt unterschiedliche Mindestteilnehmerzahlen). Je nach Spot werden die Touren entweder per Bus oder per Zodiac organisiert. Sehr zu empfehlen sind natürlich das Elphinstone Reef, Dolphin House oder Marsa Abu Dabab. Außerdem kann man Trips zu der Schwesteranlage Marsa Nakari unternehmen, um sich deren Hausriff mal anzusehen.

Wir haben uns für Elphinstone und Abu Dabab entschieden, und es nicht bereut. Schon beim Namen Elphinstone bekommen viele Taucher leuchtende Augen. Zu Recht! Meist kann man dieses Offshore Riff ja nur auf einer Live-Aboard-Tour sehen, doch von Marsa Shagra liegt es gerade mal 20-30 Minuten mit dem Zodiac entfernt. Die Länge des Trips hängt wesentlich von Wind und Wellen ab. Wir waren mehrmals dort und es kann schon ganz schön ruppig werden. Vor allem auf dem Hinweg, da das Boot dann gegen Wind und Wellen ankämpfen muss. Aber es lohnt sich auf jeden Fall. Das Riff fällt auf beiden Seiten steil ab und ist über und über mit Weichkorallen und großen Gorgonien bewachsen. Soweit draußen hat man in der Regel enorme Sichtweiten. Überall wuseln die leuchtend orangefarbenen Anthias-Barsche herum und sind damit das I-Tüpfelchen auf der Farbskala. Schon allein deshalb lohnt sich der Trip. Doch das alles tritt zurück, wenn die Herrscher der Manege auftauchen - Longimanus! Während wir beim ersten Trip leider "nur" ein paar große Barrakudas gesehen haben, aber leider keine Haie, bekamen wir beim zweiten Versuch dann die volle Dröhnung: Gleich 3 der majestätischen Hochseehaie gaben sich die Ehre! Nach anfänglicher Skepsis zogen sie dann immer engere Kreise um uns, so dass es sich schon anfühlte als würde der Spieß nun umgedreht: So leicht wird man aus einem Jäger (mit der Kamera) zum Gejagten. Der Guide war jedenfalls auch etwas nervös... Was eine Wahnsinnsbegegnung! Auch wenn ich nach vielen Haitauchgängen zugeben muss, dass dies der mit Abstand aufregendste und vielleicht auch brenzligste war... Aber wenn die Tiere nah kommen, werden die Fotos auch am besten und so konnte ich mir auf dem Trip zurück an Land das Grinsen gar nicht mehr verdrücken. Eine Mischung aus Euphorie, Adrenalin und Vorfreude auf die Bilder. Hammergeil!

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Genau der Gegensatz zur Action von Elphinstone dagegen findet sich in Marsa Abu Dabab, einer Bucht ca. 5km nördlich von Marsa Shagra. Hier geht es gemütlich zu, denn es wird in der flachen Bucht getaucht. Warum? Weil es hier eine Seegraswiese gibt, und die zieht große grüne Schildkröten an, die sich daran laben. Mit dem Bus geht es in einer Viertelstunde dorthin, die Tauchsachen werden auf einem LKW hingefahren. Am Strand erfolgt das kurze Briefing - viel gibt es ja nicht zu beachten. Einstieg ist auch Ausstieg, über der Seegraswiese wird im Zick-zack getaucht, bis man eine Schildkröte sieht und dann geht's weiter im Zick-Zack bis die Luft alle ist... Da die Sicht logischerweise nicht so klar ist, wie draußen am Elphinestone gestaltet sich die Suche nach den Turtles doch schwieriger, als zunächst vermutet. Fast eine halbe Stunde ziehen wir unsre Kreise, bevor wir endlich eine entdecken. In aller Seelenruhe sitzt sie im Gras und lässt ich das Grün schmecken. Nach ein paar Minuten schwimmt der Rest der Gruppe weiter, so dass wir "sie" für die restlichen 30 Minuten für uns allein haben. So können wir ganz in Ruhe die Szene genießen und unsere Bilder machen. Offenbar sind die Tiere bereits sehr an Taucher gewöhnt, denn sie lässt sich wirklich nicht aus der Ruhe bringen. Ein tolles Erlebnis, wenn auch die Frage nach der Kehrseite des Trubels mitschwingt. Wenn sie hier all ihr Scheu verlieren, was passiert dann, wenn sie so arglos auf ihrer weiten Wanderung wieder auf Menschen stoßen...? Beim zweiten Tauchgang sehen wir dann sogar einige Gitarrenrochen, die mit ihrem eigentümlichen Pendelschwimmstil das Seegras abscannen. Interessante Tiere - wahrlich wie eine Mischung aus Rochen und Hai. Nach einiger Zeit kommen dann gleich mehrere Schildkröten in Sicht, so dass sich die Gruppe sehr gut verteilt. Perfekt! Wie extra für Fotografen bestellt. Mit tollen Eindrücken und schönen Bildern im Kasten geht es dann im Bus zurück. An der Strandbar lassen wir bei einer Shisha das Erlebte Revue passieren und quatschen mit anderen Tauchern. Die Atmosphäre hier ist wirklich toll!

Schade, schon bald ist das Tauchen vorbei. An unserem letzten Tag, dem 31.12., wollten wir noch etwas von Land und Leuten sehen und entschlossen uns zu einer Kamelsafari mit Beduinen. Zu unserer Überraschung stellen wir morgens fest, dass die beiden Fahrer die Betreiber der Beduinen-Shisha-Bar am Strand sind. Mit dem betagten, aber dadurch sehr authentischen Toyota-Jeep geht es zunächst eine knappe Stunde durch ausgetrocknete Flusstäler durch die  Wüste. Erstaunlich, wie wenig das hier mit dem "Dünen-Klischee" Wüste zu tun hat. Das hier ist viel steiniger und vor allem bergig. Aber toll! Hin und wieder bitte ich den Fahrer kurz für ein Foto zu halten. Erstaunlich, dass die stacheligen Büsche und vereinzelten Bäume hier so grün sind. Die Erklärung folgt auf dem Fuße: Vor ein paar Wochen hat es ordentlich geregnet, davon zehren die Pflanzen. Und richtig: man sieht sogar die Spuren, wo das Wasser im Wadi langfloss. Cool! An einer Biegung wartet ein kleiner Kameltreck auf uns. Nach einer kurzen Erklärung geht's auch los. Wow, das schwankt ganz schön! Aber schon bald haben wir uns dran gewöhnt und genießen die Reise. Langsam, aber stetig zieht unsere Karawane durch die Täler. Himmlisch, welche Ruhe hier herrscht. Das ist Entschleunigung pur! So bekommt man ein sehr inniges Gefühl für die Wüste, auch wenn wir nur ein paar Stunden unterwegs sind. Interessant auch der gemächliche Laufstil der Kamele und ihre Trittsicherheit. Leise knirscht der Sand unter ihren Füßen, die von oben betrachtet denen eines Straußes ganz ähnlich sind. Witzig! Nach einer Weile kommen wir an das Lager, das der Fahrer bereits unter einem Baum aufgebaut hat. Hier zeigen uns unsere Führer, wie man hier traditionell Tee und Kaffee zubereitet (besonders interessant ist der Kaffeefilter aus einer Pflanzenwurzel).
Und als besonderes Highlight wird noch Fladenbrot gebacken... im heißen Sand! Krass, aber total lecker! Über staubige Pisten geht es dann zurück ins Camp. Ein toller Trip mit sehr angenehmen, herzlichen Führern. Wir sind jedenfalls sehr froh, diesen Ausflug gemacht zu haben.

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Am Abend geht's dann zur großen Silvesterparty, der vor allem von den Einheimischen schon sehr entgegengefiebert wird. Nach dem sehr leckeren Essen wird uns auch klar warum: Eine Bauchtänzerin heizt die Gemüter an. Für unsere Verhältnisse ist die Darbietung ja eher züchtig, aber die Ägypter sind kaum zu bremsen...
Da wir am nächsten Morgen zum Flughafen aufbrechen müssen, lassen wir es eher ruhig angehen und verschwinden schon gegen halb 3 in der Koje. Selten so entspannt den Jahreswechsel gefeiert... Aber wir sind uns einig: So kann man sehr gut die Weihnachtstage verbringen und dem Trubel und schlechten Wetter entfliehen - und dazu noch super Tauchen. Wir kommen wieder! 

Beste Grüsse
Mathias J. Böhm