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Verborgene Schönheiten im Thunersee

Während ich meine Tauchausrüstung zusammenstelle, malt die untergehende Sonne ein farbenprächtiges Bild an den Himmel. Wie schön unsere Thunersee-Region ist, bezeugen nicht nur die Touristen, die unweit von mir ein Foto nach dem anderen knipsen und mit unverständlichen Worten ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen. In Gedanken versunken überprüfe ich noch einmal meine Ausrüstung, bevor ich mit meiner 7 Kg schweren Kamera ins kühle, aber klare Wasser vom Thunersee steige.

© Karl Moser | Sonnenuntergang über dem Thunersee

Tote Hosen
Um mich über die Sicht im See zu informieren, klicke ich mich hin und wieder, auf die Sichtweiten Infos des Tauchclubs Aaraus, ein. Speziell in den Wintermonaten liest man oft Einträge wie, "keine Fische" oder "Fische sind in den Winterferien" oder "Tote Hose", was in etwa heissen will, wie "ausser Schlick und Steinen nichts gesehen". Auf jeden Fall ist hier nicht die Punk Band von Düsseldorf gemeint. Es wimmelt im Thunersee und auch in den übrigen Süsswasserseen nur so von Millionen von Makrotieren. Was man mit einer Lupe oder mit einem Makroobjektiv alles vorfinden kann, das kennen nur ein Bruchteil der Taucher.  Nun habe ich mich entschieden, einige meiner Bilder, die ich in den letzten zwei Jahren hier im Thunersee gemacht habe, auf dieser Plattform zu veröffentlichen. Ich hoffe, dass der Eine oder Andere sich in den Wintermonaten, wo die Fische "weg" sind, auf die Suche nach den Kleinsten im See macht. Vielleicht ergeht es dir schon bald wie mir, denn seitdem ich weiss, wie viele Lebewesen es da unten gibt, gebe ich mir viel mehr Mühe, den Kleinsten so wenig wie möglich auf dem Kopf herum zu trampeln und nicht mit jedem Flossenschlag einige hundert Wasserflöhe aufzuwirbeln. Okay, die Fische mögen wohl in den "Ferien" sein, aber "Tote Hosen" nein, das gibt es definitiv nicht! In jeder Jahreszeit schwimmen uns Millionen von kleinsten Lebewesen um die Ohren.

Glücksgefühle im Thunersee
10 Jahre tauchte ich an den verborgenen Schönheiten vorbei. Auf der Suche nach Hecht und Co. übersah ich die vielen Millionen Kleinstlebewesen im See. Ich erinnere mich noch genau an diesen Winternachmittag, als ich zum ersten Mal einer Köcherfliegenlarve begegnete. Ich entschied mich, ein Makroobjektiv zu kaufen, denn mit dem Weitwinkelobjektiv ein ameisengrosses Tier fotografieren zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dank dem Makroobjektiv eröffnete sich mir eine neue Welt, die mit dem menschlichen Auge so nicht zu sehen ist. Eines der höchsten Gefühle unter der Wasseroberfläche ist für mich, wenn ich durch die Kamera mit den faszinierenden Lebewesen Auge in Auge bin und mich dabei erwische, wie ich mit ihnen spreche. Zahlreiche Menschen sprechen mit ihren Haustieren, wie viele Menschen sich aber mit Wasserflöhen austauschen, wäre noch zu erforschen. Solche Momente sind schwer zu beschreiben, deshalb zeige ich hier einige meiner Bilder. Diese Bilder sagen mehr als tausend Worte und erfassen mit unfassbarer Präzision, was im Wasser verborgen webt und lebt.

© Karl Moser | Klick auf das Photo um es zu vergrössern!

Zwei Jahre Makrofotografie im Thunersee
Um solche Glücksgefühle zu erleben, braucht es nicht nur eine Unterwasserkamera. Ein Makroobjektiv mit Zwischenring, Blitze, Lampen und eine perfekte Tarierung sind ein "Muss". Aber noch viel mehr ist die Ausdauer und Nerven aus Stahlseilen gefragt. Ehrlich gesagt, "meine Stahlseile sind schon des Öfteren gerissen, speziell, wenn mein "Fotomodel" nicht stillhalten will oder ich trotz aller Konzentration Schlick aufgewühlt habe." Ja, es ist anspruchsvoll unter solchen Umständen zu fotografieren, aber genau diese Herausforderung spornt mich an. Auch nach zwei Jahren Makrofotografie im Thunersee bin ich noch lange nicht am Ende des Möglichen angelangt. Immer auf der Suche nach der makellosen Aufnahme, dem perfekten Bild, zieht es mich unter die Wasseroberfläche. Und so tauche ich immer wieder in meine Welt voller verborgener Schönheiten ab, mit der Hoffnung, doch noch ein unerforschtes Lebewesen zu entdecken.

Makroskopische Grüsse
Karl Moser