Deutsch
English

Unterwasserherbst

Die Sonne sendet die ersten goldenen Strahlen über die Gipfel der Berge und taucht die Landschaft in ein warmes Morgenlicht.

Ganz oben in den Wipfeln der Bäume löst der Wind ein Blatt von seinem Ast. Es ist glühend rot gefärbt. Langsam schwebt es nach unten. Vorbei an den Millionen anderer Blätter. Die einen noch grünlich, andere goldgelb, orange, braun, purpur. Es ist ein Rausch der Farben - es ist Herbst!

Das Blatt fällt direkt in den See an dem wir sitzen. Fällt durch die leichten Frühnebelschwaden, die über den Wasser stehen und taucht dann ein in das türkisblau schimmernde Nass unseres kleinen Gebirgssees, wo es sich zu all den anderen bunten Blättern gesellt, die bereits den Weg dorthin gefunden haben.


Still und malerisch liegt er da, unser Alpengral, umrahmt von majestätischen Gipfeln, die vom ersten Schnee dieses Winterhalbjahres leicht angezuckerte Kappen tragen.

Wir sitzen auf einer kleinen Bank am Ufer, der Kaffee dampft im Becher und das Taucherfrühstück duftet verführerisch. Man kommt sich vor wie auf einer Postkarte, so kitschig schön und wunderbar unwirklich ist die Szenerie.  Die Ruhe des Sees wird nur unterbrochen, wenn ab und zu eine der großen Forellen aus dem Wasser springt, um ebenfalls einen Frühstückshappen zu  erhaschen.

Zeit - wir haben sie heute ausnahmsweise. Haben uns im Büro losgerissen, um diesen wundervollen Herbsttag auf die Art zu genießen, die wir für die Beste halten. Mit einem Tauchgang in klarem, frischem, kühlem Quellwasser. Keine Mails, keine Anrufe, keine Hektik - nur der See, die Farben des Herbstes und zwei Taucher. Besser kann es nicht sein!

Dann, als die Sonne auf ihrem Weg über die Berge auch die hinteren Winkel des  Sees erreicht und vorwitzig durch die Tannen am Ufer zwinkert, tauchen wir ein in dieses Juwel der Alpen.
Schon der erste Atemzug unter Wasser und der Blick, der sich in der Unendlichkeit des klaren Wassers verliert, ist ein Genuß!

Ruhig gleiten wir durch das Wasser, sinken langsam tiefer, begleitet von ein paar neugierigen Forellen, die gleich nachschauen kommen, wer da in ihrem Wohnzimmer unterwegs ist.
Sie Sonne schneidet mit ihren Strahlen durchs Wasser, läßt helle Lichtfinger über den Grund tanzen. Dazu leuchtet das nasse Laub in allen Herbstfarben mit dem Wasser um die Wette. Man traut sich fast nicht zu atmen, um den Frieden und die Ruhe nicht zu stören.

Doch dann gewinnt die Sucht nach Fotos den kurzen innerlichen Kampf zwischen purem Genießen und der Lust auf schöne Bilder. Der Auslöser beginnt sein klickendes Werk. Wieder und wieder krümmt sich der Zeigefinger und im Geiste sieht man zu Hause schon die Festplatte platzen. Egal! Noch eines, und noch eins und noch eins... und noch ein letztes. Ach was. Wie gesagt - EGAL!

Nach fast 90 Minuten neigt sich der Luftvorrat dem Ende zu und die Finger sind klamm vom kalten Wasser. Als wir heraussteigen strahlt noch immer die Sonne, doch jetzt ist sie nicht mehr alleine. Sie strahlt mit unseren Augen um die Wette und ich habe den Eindruck, als hätten wir sogar gewonnen. Ein größeres Strahlen wie wir an diesem herrlichen Tauchtag im Gesicht hatten, kann sie eigentlich gar nicht gehabt haben.

Blubb!

Robert


Klick auf das Photo um es zu vergrössern!