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Spurensuche in der Unterwelt - Unterwasserarchäologie in den Cenoten und Höhlensystemen Mexikos

Text: Florian Huber M.A.  

In Zusammenarbeit mit dem Instituto National de Antropología e Historia (National Institute of Anthropology and History, INAH) untersuchen Unterwasserarchäologen der Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie (AMLA) des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel seit Sommer 2009 geflutete Höhlensysteme und Cenoten im nördlichen Teil der mexikanischen Halbinsel Yucatán.
Ziel dieser einmaligen Kooperation ist die Erfassung, Erforschung und Erhaltung von archäologischen Funden und Befunden unterschiedlicher Zeitstellung aus den weit verzweigten Höhlensystemen der Bundesstaaten Yucatán und Quintana Roo, sowie die Entwicklung speziell angepasster Prospektions- und Dokumentationsverfahren. Aufgrund konstanter Wassertemperatur, der chemischen Zusammensetzung des Wassers und der völligen Abwesenheit von Licht haben sich paläontologische und archäologische Funde wie Befunde (Bestattungen, Opfergaben, Feuerstellen) ausgesprochen gut erhalten. Die Forschungstaucher der AMLA sind die ersten deutschen Wissenschaftler, die zusammen mit ihren mexikanischen Kollegen diese komplizierten Untersuchungen in den bis zu 220 km langen Höhlensystemen (Sistema Ox Bel Ha) durchführen und das nötige Know-how für diese aufwendigen Tauchgänge mitbringen. Infolge des zunehmenden (Tauch)Tourismus sowie den Bau eines weiteren internationalen Flughafens bei Tulum und zunehmende Verschmutzung des Wassers aufgrund mangelnder, moderner Abwasserbeseitigung sind das fragile Ökosystem und die darin enthaltenen archäologischen Schätze massiv gefährdet.  

Arbeitsgebiet
Mit dem Rückgang des Meeresspiegels während periglazialer Phasen des Pleistozäns (ca. 2,5 Millionen Jahre bis ca. 9.660 v. Chr.) und der Freilegung des neogenen Karbonatgesteins an subaerische Bedingungen setzte eine intensive Verkarstung der Halbinsel Yucatán ein. Diese Verkarstung erklärt das völlige Fehlen von Flüssen und Seen im nördlichen Teil der Halbinsel. Die Drainage der Niederschläge erfolgt hier ausschließlich unterirdisch durch ein weit verzweigtes Höhlensystem. An der Oberfläche ist die Verkarstung weithin sichtbar und durch zahlreiche Einsturzdolinen (sog. "cenotes") gekennzeichnet. Das Wort Cenote geht zurück auf das Mayawort "ts'onot" und bedeutet "heilige Quelle". Durch diese Einstürze werden die unterirdisch fließenden Wasserströme zugänglich. In Yucatán kennt man derzeit weit über 3000 Cenoten. Diese "Brunnen" waren bereits in vorspanischer Zeit ausschlaggebend für menschliche Ansiedlungen und dienten unter anderem als Frischwasserspeicher.Berichten von spanischen Eroberern wie dem Bischoff Diego de Landa  (1524-1579) zufolge, opferten die Maya (ungefähr 2000 v. Chr. - 1500 n. Chr.) dort unter anderem Menschen, indem sie die Körper in die Cenoten warfen.Geologischen Berechnungen zufolge, war der Meeresspiegel vor der Halbinsel Yucatán vor 13.000 Jahren etwa 65 m niedriger als heute. Daraus resultierend war der Grundwasserspiegel in dieser Region ebenfalls niedriger, so dass davon ausgegangen werden kann, dass zumindest die oberen Höhlenebenen bis etwa 50 m Tiefe trocken lagen. Dies belegen auch mineralische Ablagerungen in Form von Stalaktiten, Stalagmiten und Stalagnaten. Klimatische Veränderungen am Ende des Pleistozäns führten zu einem Abschmelzen der Gletscher und zu einem globalen Meeresspiegelanstieg, was wiederum dazu führte, dass die Höhlensysteme heute unter Wasser liegen.  

Höhlenforschungstauchen
Notwendige Voraussetzung für wissenschaftliche Untersuchungen dieser Art, ist das so genannte Höhlenforschungstauchen; dabei dringen die Taucher mit redundanter Spezialausrüstung teilweise über einen Kilometer in die komplexen Höhlensysteme vor, was gewisse Risiken birgt. Viele erfahrene Taucher sind schon in Höhlen gestorben. Laut Statistik verunglücken die Taucher am häufigsten weil sie sich verirren, die Hauptleine (base line) verlassen oder verlieren, zu tief tauchen (Stickstoffnarkose), zu wenig Gas, nämlich mindestens 2/3 für den Rückweg haben oder nicht ausreichend Licht mit sich führen. Höhlentauchen ist deshalb auch für geübte Taucher eine Herausforderung, permanentes Training sowie physische und psychische Fitness sind Grundvoraussetzungen. Getaucht wird stets im Team um sich bei möglichen Gefahrensituationen gegenseitig helfen zu können; zwei Flaschen, zwei getrennt absperrbare Atemreglersysteme, extra Maske, drei Lampen sowie diverse Seilrollen und Richtungspfeile gehören zur hochwertigen Pflichtausrüstung der Taucher. Die Tauchgänge müssen exakt geplant werden und dauern in der Regel mehrere Stunden. Zum Einsatz kommen während der Taucheinsätze sowohl diverse Mischgase wie Nitrox (mit Sauerstoff angereicherte Luft) und Trimix (mit Helium angereicherte Luft), als auch "Scooter" (Unterwasserfahrzeuge), die die Wissenschaftler zum eigentlichen Arbeitsplatz bringen und den Prospektionsradius in den Höhlen deutlich erweitern.
Probleme, die unter Wasser auftreten, müssen auch unter Wasser gelöst werden; ein direkter Aufstieg zur rettenden Wasseroberfläche ist aufgrund der Höhlendecke nicht möglich. All das macht ein unterwasserarchäologisches Projekt in gefluteten Höhlen schwierig und ist auch logistisch gesehen eine enorme Herausforderung. Aufgrund der limitierten Luftmenge und der internationalen Sicherheitsstandards ist die Zeit, die die Forschungstaucher am Arbeitsplatz verbringen können, sehr begrenzt. Einige Fundstellen sind über eine Stunde vom Eingang entfernt, zusammen mit Rückweg und Dekompression bleibt somit oft nur wenig Zeit an der Fundstelle, welche dementsprechend oft aufgesucht werden muss, bis alle nötigen Arbeitsschritte (Dokumentation, Probennahme, Fotos, usw.) gemacht wurden. Umso höher sind die Ergebnisse aus diesen extremen Umgebungsbedingungen zu bewerten.   

ERSTE MENSCHEN IN DEN HÖHLEN YUCATÁNS
Höhlen sind zunächst ein geologisches Phänomen; entstehungsgeschichtlich werden dabei primäre und sekundäre Höhlen unterschieden. Während primäre Systeme unmittelbar mit der Gesteinsbildung in Zusammenhang stehen (z.B. Lava Höhlen), entstanden die Hohlräume in sekundären Systemen nach der Gesteinsbildung durch unterschiedliche Prozesse wie korrosionsfördernde Vorgänge in löslichen Formationen wie z.B. Kalk, Dolomit oder Gips. Mit Beginn des Auftretens des Menschen gewannen Höhlen jedoch auch kulturgeschichtlich an Bedeutung. Sie dienten als Aufenthaltsort, Zufluchtsort, Vorratskammer oder waren Plätze für magisch-rituelle Handlungen. Im Vordergrund der archäologisch orientierten Erforschung steht natürlich die Suche nach der jeweiligen Intention einer Höhlennutzung.  
Bei Tulum im Bundesstaat Quintana Roo konnten seit Beginn der Untersuchungen diverse prähistorische Fundstellen in Höhlensystemen lokalisiert werden; darunter Asche von Feuerstellen und pleistozäne Knochen, hauptsächlich von Säugetieren der Megafauna. Vier menschliche Skelette, die tief in den Höhlen bestattet wurden, beweisen die bereits im ausgehenden Pleistozän erfolgte Besiedlung Südostmexikos und können wichtige Antworten auf die immer noch viel diskutierte Frage geben, wann und wie die ersten Gruppen von Menschen den amerikanischen Kontinent betraten und besiedelten. Dazu wurden in der Vergangenheit unterschiedliche Routen und Theorien vorgeschlagen, doch am meisten verbreitet ist diejenige, dass größere Gruppen von Nordost-Asien kommend die Beringstraße über eine trockene Landbrücke vor etwa 12.000 Jahren überquert hätten. Aus ihnen entstand in Nordamerika die sogenannte "clovis culture", vermutlich die älteste archäologische Kultur auf dem Kontinent.
Die bisher ältesten Artefakte und menschlichen Überreste aus der Region Yucatán sind zwischen 2000 und 4000 Jahre alt und werden der Maya oder Prä-Maya Zivilisation zugeordnet. Mit den neuen Resultaten aus der Höhlenforschung kann nun erstmalig belegt werden, dass Menschen die Halbinsel Yucatán bereits im späten Pleistozän oder frühesten Holozän besiedelt haben. Die vier in den Höhlensystemen gefundenen Skelette zählen zu den ältesten bisher bekannten menschlichen Überresten Mexikos und gehören außerdem zu den ältesten menschlichen Funden des gesamten Kontinents. Diese frühen Siedler nutzten die trockenen Höhlen also zumindest zeitweise, um dort Schutz zu suchen, Feuer zu machen oder ihre Toten zu bestatten. In den tieferen Teilen der Höhlen haben sie mit Sicherheit nach Süßwasser gesucht, welches an der karstigen Oberfläche äußerst rar war. Durch den globalen Meeresspiegelanstieg am Ende des Pleistozäns kam es zu einer langsamen Überflutung der Höhlen und Beweise für die Anwesenheit früher Menschen in dieser Gegend wurden regelrecht eingeschlossen und konserviert.   

CENOTEN - HEILIGE OPFERPLÄTZE DER MAYA
Wie bereits eingangs erwähnt, findet man auf der Halbinsel Yucatán eine enorme Anzahl so genannter Cenoten, Schätzungen gehen von mindestens 5000-10.000 dieser Einsturzdolinen aus. Diese Cenoten und die daran gekoppelten Höhlensysteme waren und sind für die Maya von vielfacher Bedeutung. Sie gewährleisteten vor allem die Frischwasserversorgung in einem Gebiet, das keine oberirdischen Wasserquellen wie Seen oder Flüsse aufweist und waren somit überlebenswichtig. Die Maya nutzten die Cenoten und Höhlen jedoch auch häufig als Orte für rituelle Handlungen und Zeremonien. Der überwiegende Teil der dort durchgeführten Rituale bezog sich vermutlich auf den landwirtschaftlichen Anbauzyklus, etwa um die Erlaubnis für eine Brandrodung zu erbitten. Ein noch heute vor dem Beginn der Regenzeit praktiziertes, jährliches Ritual in Höhlen ist die an den "Herrn der Erde" oder den Regengott Chaak gerichtete Bitte um Regen. Zu diesem Anlass werden im Inneren der Höhle Kerzen entzündet und Weihrauch, Zuckerrohrschnaps, Blumen, Tabak und Tiere geopfert.  Andere Rituale standen wahrscheinlich in Verbindung zur Ernte. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden in Copán Reste kleiner Maiskolben gefunden, die möglicherweise als Dankesopfer für eine gelungene Ernte dargebracht wurden.Reste von Opferungen finden sich in nahezu allen von den Maya in irgendeiner Art und Weise genutzten Cenoten oder Höhlen. Neben Keramikgefäßen, Beilen, Obsidianartefakten, Jadeschmuck, exotischen Muscheln, Spiegeln aus Hämatit und Figurinen, finden sich auch menschliche Knochen innerhalb der Cenoten. 

DIE CENOTE LAS CALAVERAS
Die Cenote Las Calaveras befindet sich in der prähispanisch bewohnten Stadt Punta Laguna. Las Calaveras ist eine flaschenförmige Cenote mit einer relativ kleinen Öffnung von 120 cm Durchmesser, deren Wasseroberfläche heute in 13 Meter Tiefe liegt.Mit einer Anzahl von mindestens 126 Skeletten wurde hier - nach Chichén Itza - die bisher größte Ansammlung menschlicher Individuen aus mayazeitlichen Zusammenhängen in einer Cenote entdeckt und 2008 von Archäologen der INAH, erstmalig archäologisch untersucht. Dabei konnten in einer 40 Individuen umfassenden Hauptkonzentration im südlichen Bereich 20 Skelette in situ vermessen und dokumentiert werden. Des Weiteren sind Knochen von 13 Menschen entnommen worden, welche sich derzeit zur weiteren Bearbeitung in einem Stabilisationstrocknungsverfahren im Labor befinden. Bei der Interpretation der hier aufgefundenen, ungewöhnlich hohen Anzahl menschlicher Skelette stellte sich zunächst die grundsätzliche Frage nach einer Ansprache als Opferplatz oder Nekropole. Anhand der bisherigen archäologischen Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass es sich hier in erster Linie um die Überreste erwachsener Personen handelt. Da sich unter den bekannten Menschenopfern der Maya auch vielfach die Gebeine von Kleinkindern und Jugendlichen befinden (Chichén Itzá), wird diese Beobachtung als Hinweis auf eine Ansprache von Las Calaveras als Friedhof gedeutet. Zudem zeigte sich, dass die Skelette zum größten Teil vermutlich nicht in ihrem ehemaligen Verbund niedergelegt wurden. Diese Beobachtung ist mit einer sekundären Bestattung von bereits zu Skeletten vergangener Leichen zu erklären, welche in ihrer ursprünglichen Ruhestätte bspw. aufgrund bestimmter Bodeneigenschaften oder aus religiösen Gründen nicht dauerhaft am ursprünglichen Bestattungsort verbleiben konnten. Diese Annahme wird auch durch kolonialzeitliche Gerichtsakten untermauert, die von Priestern berichten, die die Körper der Toten teilweise bis zu 70 km weit begleitet hätten, um sie in einer bestimmten Cenote abzulegen. 2010 konnten 63m² mittels Fotogrammetrie erfasst und somit dokumentiert werden. Darüber hinaus wurden ausgewählte Objekte mittels Foto- und Videoaufnahmen dokumentiert, um eine exakte 3-D Rekonstruktion zu realisieren.  Anhand der entnommenen Knochen aus der Cenote erhofft man sich, in naher Zukunft differenziertere Aussagen zu Alter, Geschlecht, evtl. Krankheiten sowie der Todesursache gewinnen zu können; zudem werden die getrockneten Stücke auf allgemeine metrische Angaben und die aus der Mayakultur bekannten Schädeldeformationen sowie Zahneinlagen untersucht. Erste C-14 Datierungen der Skelette aus Las Calaveras am Leibniz-Labor für Altersbestimmung in Kiel ergaben ein Alter von ungefähr 1700 Jahren, was in etwa der klassischen Periode der Maya entspricht.   

Fazit
Das wissenschaftliche Potential in Bezug auf prähistorische und historische Befunde in Yucatán ist enorm. Durch die Untersuchungen in den Höhlensystemen ist es gelungen, neue Erkenntnisse über frühe Bewohner und die Besiedlung Mexikos zu gewinnen. Über religiöse Vorstellungen, Bestattungssitten und Opferkulte der Maya können unter anderem die Funde aus den Cenoten Chichén Itzá und Las Calaveras herangezogen werden. Die Forschung in diesem Arbeitsgebiet erlaubt den Wissenschaftlern einen einzigartigen Einblick in die Wechselwirkungen von Mensch und Umwelt - ein Forschungsschwerpunkt an der CAU Kiel. Mit Hilfe von Isotopen und aDNA analytischer Methoden werden künftig die Vorstellungen von Opferkulten und Bestattungssitten der Maya vor dem Hintergrund verwandtschaftlicher Beziehungen bewertet werden können. Durch einen innovativen Forschungsansatz trägt das Projekt dazu bei, unter Einbeziehung internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit die menschliche Entwicklung in Mexiko in einer einzigartigen Landschaft zu erfassen und zu verstehen. Das Projekt, von der Hamburger Lighthouse Foundation finanziert, wird auch 2011 fortgesetzt werden.       

Projekthomepage:
www.mexiko.amla-kiel.de   

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