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Der Mann und sein Meer

Posedarje ist ein kleines kroatisches Fischerdorf  und liegt am Ende des Velebitkanals im Novigrader Meer. Ich war mit meinem Boot vor der dort stark ausgeprägten Bora auf der Flucht und fand im kleinen Hafen Schutz. Wieder festen Boden unter den Füßen fiel mir ein Tauchanzug auf, der vor einem alten Steinhaus zum Trocknen an einer Leine hing.

Beim Eingang lehnten 2 Tauchflaschen, die mich daran erinnerten, dass auch meine Flaschen dringend aufgefüllt werden sollten. In der Hoffnung auf Luft klopfte ich an und heraus kam ein durchtrainierter, mittelgroßer Kroate, der zu meiner freudigen Überraschung sogar ein gepflegtes Deutsch sprach. Während meine Flaschen am Kompressor hingen, sah ich mich in seiner Werkstatt etwas um. Ich war umgeben von eigenartigen Netzen, verschiedensten Flossenarten und sonstigem Tauchgerödel. Mein Blick blieb bei einer Ansammlung von verschiedensten Harpunen hängen. Als Tauchlehrer, der seinen Schülern immer den Schutz der Umwelt und Lebewesen drillte, waren das für mich Mordinstrumente die ich als abstoßend empfand. Er dürfte meine Ablehnung an meiner Mimik erkannt haben und er fragte mich mit einem Lächeln, ob ich noch nie damit geschossen hätte. Ich antwortete ihm, dass ich nur ausschließlich mit meiner Kamera unter Wasser schieße. Im weiteren Gespräch wurde mir klar, dass Noni und seine Familie rein vom Meer lebten. Meine Neugierde war geweckt die Arbeit eines Unterwasserspezialisten kennenzulernen und zu dokumentieren. Anfangs wies er mich mit der Begründung ab, dass er nicht auf mich aufpassen kann wenn er arbeitet. Doch auf mein Drängen und mein Versprechen ein Unterwasserfoto von sich zu bekommen, willigte er schließlich ein.

Wir fuhren am nächsten Tag mit dem Boot zu dem schmalen Kanal, dessen Brücke die Autobahn zwischen dem gigantischen Velebitgebirge und der Altstadt Zadar verbindet.
Hier war sein Unterwasserrevier. Wir befestigten das Boot an seiner Miesmuschelzucht, die ein Bestandteil seiner Einkünfte darstellt. Unser gemeinsamer Tauchgang sollte uns auf den 40m tiefen Grund bringen um nach Jakobsmuscheln zu suchen. Dafür nahm er 2 unterarmlange Messer, die er sich mit einem Gummi um die Handgelenke band. Am Meeresboden angekommen, verstand ich dann den Hintergrund. Durch die Gezeiten kommt es im Kanal zu starken Strömungen und die beiden Messer dienten der kraftarmen Fortbewegung  im sandigen Boden. Nach ein paar Metern zeigte er auf  eine Stelle am Grund. Auch nach mehrmaligem Hinsehen konnte ich außer Sand nichts erkennen. Mit einer schnellen Handbewegung  über den Boden fächerte er den Sand beiseite und zum Vorschein kam eine handgroße  Jakobsmuschel, dessen weißes Fleisch als Delikatesse in den Restaurants gilt. Nach rund 15 Minuten hatte er die gewünschte Menge, die er nur auf Bestellung holt, um sein Revier nicht auszubeuten.


Seinen dreiteiligen Spezialanzug, in dem er nur mit Spülmittel reinkommt, behält er auch während einer Pause an. Da er rund 7 Stunden am Tag im Wasser verbringt, schützt ihn dieser zuverlässig auch im Winter vor Kälte. Ich mache mich wieder fertig um ihn beim Harpunenfischen zu fotografieren. Dazu legt er sich auf rund 8m Tiefe über einer Steilwand  auf die Lauer. Ich traue meinen Augen kaum, als er nach 2 Minuten Starre plötzlich wie ein Torpedo in die Tiefe sticht. Dabei achtet er darauf dass sich die Sonne in seinem Rücken befindet, um so näher an seine Beute zu gelangen. Aber er kommt ohne Treffer zu mir zurück, spannt selenruhig an einem Felsen seine Harpune und geht nach rund 4 Minuten an die Oberfläche um Luft zu holen. Ein Schamgefühl macht sich in mir breit, denn ich hatte in der Zwischenzeit sicherlich 20 Mal geatmet. An der Oberfläche bittet er mich oben zu warten, denn die Fische seien durch meine Atemgeräusche gewarnt. Nach etlichen Versuchen hat er endlich Erfolg und kommt mit einer kapitalen Goldbrasse als Fang zurück. Von da an hat sich meine Einstellung grundlegend geändert. Das Harpunieren betreibt Noni nicht als Sport, oder zum Spaß. Der Mann, der keinen Tropfen Alkohol und keine Zigaretten konsumiert, lebt mit und von den Fischen die er auch verehrt. Er ist selbst ein Gegner der Schleppfischerei, womit nicht nur alles leer gefischt wurde, sondern auch Kleinstlebewesen beim Beifang vernichtet und somit die Nahrungskette unterbrochen wird. Ein Fischer, sei es mit Rute oder mit Harpune schadet keinem Meer, da sie diesem keine Massen entreißen. Zusätzlich hegt und pflegt er sein Revier wie ein Jäger an Land, denn er muss sich auch zukünftig von ihm ernähren...

Heinz Toperczer

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