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Tessin für Entdecker

Sanft weht ein milder Wind durch das Tal Verzasca, kräuselt ein paar Schönwetterwolken am Himmel und trägt den Duft des Frühsommers mit sich.Wir stehen am Ufer der Verzasca und bereiten uns auf den ersten Flusstauchgang vor, während die Abendsonne uns mit ihren sanften Strahlen wohlig wärmt. Ein gutes Gefühl nach dem, im wahrsten Sinne des Wortes, doch recht eisigen Tauchgang auf dem Gotthardpass. 

Nach unserem spektakulären Tauchgang im Lago di San Carlo, der eine oder andere wird den Bericht dazu vielleicht gelesen haben, waren wir auf der Südseite der Schweizer Alpen angekommen.
Sofort fühlt man sich ein bisschen wie in Italien. Die Berge sind mit Laubwald anstatt mit  Nadelhölzern bewachsen und überhaupt ist alles so üppig grün. Überall blühen Blumen und Sträucher in allen nur erdenklichen Farben und die pittoresken Steinhäuser der kleinen Ortschaften im Tessin machen das typische Flair des Verzascatales perfekt. 

Unser erster Tauchplatz war ein Gumpen am Zusammenfluss von Verzasca und Osura, einem Fluss der aus dem gleichnamigen Valle Osura kommt und dann bei Brione in die Verzasca mündet.
Zuvor hatten wir uns die bekannten Plätze entlang der Verzasca angesehen, von Tauchgängen dort aber Abstand genommen, da der Fluss zu dieser Zeit sehr viel Wasser führte. Für die Flusstauchneulinge in unserer kleinen Gruppe wäre es dort viel zu gefährlich gewesen. 

Also machten wir uns daran, taucherisches Neuland zu erkunden. Der Platz, kurzerhand Ponte Osura getauft, war offensichtlich gut gewählt. Bequemer Weg vom Parkplatz zum Ufer, große Felsen versprachen eine tolle Unterwasserlandschaft und vor allem war der  Auslauf aus dem Becken sehr breit und super flach. Völlig unmöglich hier ausgespült zu werden und in einen gefährlichen Strudel zu geraten. Ein idealer Anfängerplatz, aber vor allem so richtig was zum entspannt genießen!
 

Der erste Blick unter die Wasseroberfläche zauberte sofort ein überraschtes Lächeln auf unsere Gesichter. Das Wasser war unglaublich klar, die Sonnenstrahlen spielten wie glänzende Finger über die Kiesel im Flussbett und überall stoben ganze Schwärme von Forellen umher. Das alles für uns ganz alleine? Konnte das sein?
 

Wir tauchten ein paar Meter vom Ufer weg und wurden sofort von einer doch recht starken Strömung erfasst. Die Durchquerung des Beckens war ein ordentliches Stück Arbeit, versprach aber jede Menge Spaß im Zulauf des Tauchplatzes. Zu diesem kämpften wir uns dann am anderen Ufer entlang vor, jeden Strömungsschatten nutzend, den wir entdecken konnten.
 

Dann war der letzte Fels erreicht, hinter dem man sich verstecken konnte. Noch einmal tief durchatmen und dann mit allem was die Flossen hergaben gegen die Strömung gepaddelt. Die Forellen schienen amüsiert zu grinsen und zu sagen: "Hey Leute, schaut her! Geht doch ganz leicht!"
Ziemlich außer Puste kämpften wir uns vor bis nichts mehr ging, drehten uns um und schossen mit der Strömung zurück ins Becken - hei, was für ein Spass!!!
Immer mit den Forellen um die Wette drehten wir Runde um Runde in diesem Wasserkarussell, bis irgendwann der Luftvorrat zur Rückkehr an den Einstieg mahnte.

Langsam und gemütlich ließen wir uns zum Ausgangspunkt dieses herrlichen Tauchgangs zurücktreiben und genossen im Flachwasser der freien Blick ins Tal und nutzen die Möglichkeit uns an ein paar Halb-Halb-Fotos zu versuchen.
 

Nicht zu glauben, dass so ein Platz nicht zu den bekannten Highlights des Verzascatals gehört! Nun, uns soll es Recht sein. So haben wir dieses Kleinod mit großer Wahrscheinlichkeit für uns allein, wenn wir wieder ins Tal kommen.
 

An einem Tag zwei so spektakuläre Tauchgänge zu machen und dazu noch 400 km zu fahren, macht hungrig! Also ließen wir den Tag im Restaurant Posse in Lavertezzo bei einem leckeren Abendessen ausklingen. Bei einem vollmundigen Merlot direkt aus der Region, italienischem Essen aus dem Holzofen und ganz vielen Tauchgeschichten, vergisst man nur zu leicht die Zeit und würde am liebsten bis zum nächsten Morgen auf der Terrasse sitzen und dem wilden Rauschen der Verzasca lauschen.

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Der zweite Tauchtag sollte mit einer Fahrt ins benachbarte Maggiatal verbracht werden. Gesagt, getan - wir fuhren hinunter an den Lago Maggiore und dann das zunächst breite Maggiatal entlang.

Immer enger und steiler windet sich dort das endlos scheinende Band der Straße zum Lago di Sambucco hinauf. Kehre um Kehre kämpfte sich unser Fahrzeug bergauf, um dann endlich am mächtigen Staudamm eine Verschnaufpause zu bekommen.
Bis hierher waren einige von uns in den vergangenen Jahren schon einmal gekommen. Doch ein Bericht des bekannten Unterwasserfotografen Franco Banfi in einer der großen Tauchzeitschriften versprach wesentlich weiter oben noch eine ganze Menge kleiner Seen, in denen man um diese Jahreszeit mit einer großen Portion Glück noch Eisschollen vorfinden kann.
Also machten wir uns auf den Weg, immer am langgezogenen See entlang. Oft mussten wir oder der Gegenverkehr in schmale Parkbuchten ausweichen. Für 2 Fahrzeuge nebeneinander war die Straße längst viel zu schmal.
Am Ende des Sees öffnet sich das Tal und gibt den Blick auf Almen und große Ziegenherden frei. Hatten wir es geschafft?
Weit gefehlt! In halsbrecherischer Art und Weise führte das schmale Asphaltband weiter der Baumgrenze entgegen. Gerade so breit wie unser Sprinter und ganz ohne Randbegrenzung. Es schien als ob die Schweizer Straßenbauer einfach allen mal so richtig zeigen wollten was so machbar war. Im Auto wurde es immer ruhiger und meine Handflächen immer feuchter. Doch unser Tauchkamerad Karsten steuerte den großen Wagen mit traumwandlerischer Sicherheit immer weiter in Richtung Gipfel.

Dann endlich ein Hochplateau und ein glitzernder See!
Aufgeregt sprangen wir aus dem Waagen und stiegen für einen besseren Überblick am Ufer etwas nach oben. Wie sich später herausstellen sollte hatten wir den Laghetti di Lassolo erreicht. Weiter wären wir ohnehin nicht gekommen. Nur wenige Meter weiter war die Straße noch einen halben Meter hoch mit Schnee bedeckt.

Sehr viel schöner als der Anblick dieses Sees geht es aber auch kaum. Ein Alpenidyll in Perfektion lag vor uns!
Die Begehung und das Briefing dauerten nicht lange. Zu spannend war der See mit seinen in ihn mündenden Schneefeldern und den kleinen treibenden Eisschollen.
Leider versteckte sich die Sonne zu Beginn des Tauchgangs, aber dies tat der Begeisterung keinen Abbruch. Über große Geröllfelder führte uns der Tauchgang zur ersten Eisscholle. Einfach faszinierend - man fühlt sich ein bisschen wie in den Polarregionen. Die Bilder beschreiben sicher besser, wie besonders dieser Tauchgang für uns war. Als passenden Abschluss haben wir direkt am See unseren mitgebrachten Grill angeschmissen. So ein Barbecue auf ca. 2300m hat schon was :-)!

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Zurück im Tal versuchten wir uns leider erfolglos an einem gigantischen Wasserfall, zu dem wir keinen mit Ausrüstung machbaren Zugang fanden. Naja, man braucht ja auch noch Ziele für die nächste Ausfahrt ins schöne Tessin. 

Als Abschluss probierten wir es dann mit einem Platz, den wir Ponte di Centro tauften, weil er fast mitten im Ort Tenero liegt. Hier mündet die Verzasca in den Fluss Tenero. Zwei kleine Wasserfälle fallen munter sprudelnd in das Becken. Die Unterwasserlandschaft ist sehr abwechslungsreich und es huschen auch einige beachtlich große Forellen umher.
Absolutes Highlight ist ein kleiner Canyon, auf der Seite zur hoch gelegenen Straße hin.

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Leider ging während dieses Tauchgangs der Tag langsam seinem Ende entgegen und wir hatten keine Sonne mehr und konnten den hintersten Bereich des Tauchplatzes nicht mehr erkunden, wo sich die kleine Schlucht fortzusetzen scheint. 

Außer dem Wasserfall im Maggiatal gleich ein weiterer Grund diese Entdeckungstour 2012 fortzusetzen! Begeistert von den völlig neuen Eindrücken und voller Tatendrang saßen wir am Abend noch lange Zeit zusammen und schmiedeten Pläne für unsere nächste Entdeckertour im Tessin, bevor wir uns am nächsten Morgen leider schon auf die Heimreise begeben mussten.
 

Wir kommen wieder! Soviel steht fest! 
 

Herzliche Grüße aus dem Schwabenländle
Robert