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WALHAI MEKKA - Auf der Suche nach guten Nachrichten und schönen Bildern

"straight ahead - a huge one!" ruft Rogero unser Kapitän. Schlagartig sind wieder alle voll bei der Sache. Wir stürzen zum Heck des Bootes, schnappen Taucherbrille, Schnorchel und Flossen und starren mit großen, wartenden Augen auf den Kapitän, sein Kommando erwartend, dass wir ins Wasser gleiten dürfen. Und er fährt einfach weiter! Er fährt tatsaechlich an einem riesigen Walhai vorbei, der neben unserem Boot mit offenem Maul die Wasseroberfläche durchpflügt. Wir können es nicht fassen. Nach zwei Tagen vergeblicher Suche und heute wieder über vier stündigem Kreuzen, auf einem kleinen Fischerboot, in der prallen Sonne Mexicos, mitten im Golf, auf der Suche nach Walhaien, fährt er an einem Prachtexemplar vorbei. Wir sind sprachlos.

Sofort wird Protest laut aber Rogero vertröstet uns. "Ein paar Minuten noch, dann könnt ihr rein. Und nicht vergessen, maximal drei Person zeitgleich. Jeweils ein Guide und zwei Fotografen." Wir beginnen zu knobeln welches Dreierteam starten darf, während Rogero unentwegt den Kurs anpasst. Wir schlüpfen schmollend wieder aus den Flossen und postieren uns auf der Boardwand den Blick ins Wasser gerichtet. Nach ca. 20 Minuten trauen wir unseren Augen nicht. Das Wasser scheint zu kochen und wir sind inmitten unzähliger Walhaie die sich alle ganz gemächlich an der Wasseroberfläche den Bauch vollschlagen. Rogero grinst breit. Er hatte einen Bonitoschwarm mit seinem Radar aufgespürt und war ihm gefolgt. Soweit wir sehen können ragen halboffene Mäuler und Flossen aus dem Wasser. Ein Wunder! Nach weit über 1000 Tauchgängen und das in Gegenden wie Mocambique, Cocos, Malediven und Co, wo man durchaus öfter Walhaibegegnungen haben könnte, bringe ich es bislang auf drei. Nachdem ich beim knobeln nicht so gut bin und immer noch am Boot bleiben muss, klettere auf die kleine, schwankende Aussichtsplattform oberhalb des Kapitäns und versuche die getupften Riesen zu zählen. Dieses Vorhaben entpuppt sich schnell als sinnlos. Zwar sind wir soweit das Auge reicht, von genüsslich fressenden Walhaien umgeben, aber ihre Tarnung ist nahezu perfekt. Zwischen den Wellen und den reflektierenden Sonnenstrahlen ist es schon kaum möglich die Haie zu sichten, geschweige denn zu zählen. Deshalb war auch der Einsatz des kleinen Suchflugzeugs der Walhaiforscher am Vortrag ergebnislos geblieben. Ich mache mit dem Teleobjektiv einige Bilder des Spektakels von oben, muss aber dann dringend ebenfalls ins Wasser. Erstens um die Fressorgie aus nächster Nähe zu dokumentieren und zweitens um nicht wie ein Kollege Opfer der Seekrankheit zu werden....
Schlussendlich sind wir ja hier um Fotos zu machen und den Walhaiforschern über die Schulter zu sehen.

Dass es in Mexiko saisonal größere Ansammlungen von Walhaien gibt, ist schon länger bekannt. Sowohl von Isla Holbox als auch von Isla Mucheres aus, gibt es für Touristen einige Anbieter, die teilweise sogar mit dem Slogan "100% Walhaigarantie oder Geld zurück" werben. Man ist auch durchaus erfolgreich, wenngleich sich das Vergnügen, v.a. für Taucher und Fotografen leider oft in Grenzen hält. Mit knallorgangen Schwimmwesten ausgestattet karrt man Touristen entlang der Küste in die planktonreichen Gewässer nördlich von Cancun. Schnorcheln ist ohne die Auftriebshilfe einer Life-West nicht gestattet und Guides sorgen dafür, dass ein Mindestabstand von fünf Metern zu den Tieren eingehalten wird. Zum Schutz der Tiere und in Anbetracht der vielen Touristen, die Walhaie einmal aus der Nähe erleben wollen, mit Sicherheit auch sinnvoll. Allerdings ist aufgrund des nährstoffreichen Wassers die Sicht meist bescheiden und man muss schon einen guten Tag erwischen, dass die Sichtweite die ganzen Walhaileiber freigibt. Vorausgesetzt man entdeckt sie dann unter Wasser überhaupt, kann man meist nur einen Teil der richtig großen Tiere bewundern -der Rest verschwindet im Grün.
Aus diesem Grund haben wir ein eigenes hochseetaugliches Boot gechartert, Sondervereinbarungen getroffen und uns zu unserer Expedition aufgemacht. Wir wollen deutlich mehr als EINE Sichtung im Grün und nehmen dafür auch die langen Such- und Wartezeiten in Kauf. Auch wenn man es nicht immer wahr haben will aber "science takes time" ..erfreulicher Weise ist ja noch nicht alles disneyanimiert!

Wir gleiten leise ins Wasser und ich stecke den Kopf unter die Oberfläche. Das Wasser ist nicht grün - es ist blau, tiefblau und ich bin begeistert. Walhaie im Blauwasser. Unsere Geduld hat sich bezahlt gemacht. Die anderen Boote hatten schon vor Stunden Kehrt gemacht und waren Richtung "Grüne Suppe" aufgebrochen um den Whalesharkwatchern zumindest eine Flosse zeigen zu können. Wir hingegen hatten verweigert. Wir hatten die weite Reise auf uns genommen um einem einzigartigen Ereignis zu folgen, das befreundete Filmer und Wissenschaftler vor kurzem erstmals dokumentieren konnten.  Ansammlungen hunderter Walhaien folgen den Bonitos in die Weiten des Golfs von Mexico hinaus, wo um diese Jahreszeit abgelaicht wird. Die kleinen, weißen Fischeier sind so zahlreich, dass wir die Wolken jetzt vom Boot aus sehen können. Das ist ein willkommenes Festmahl - das große Fressen!

Wir sind insgesamt fast 4 Stunden im Wasser und das Erlebnis ist schwer in Worte und noch schwieriger in Bilder zu fassen. Die große Anzahl der Tiere und ihre gemächliche Schwimmweise gestattet uns Bilder aus allen nur erdenklichen Perspektiven machen. Wir lassen uns mit ihnen fast 12 Seemeilen weit im offenen Meer treiben und haben ständig mehrere stattliche Exemplare im Blickfeld. Rogero folgt uns mit seinem Fischerboot und behält uns im Blickfeld, denn wir haben auf das Boot schon lange vergessen. Faszination und Stress zugleich, denn auch ein langsam schwimmender Walhai ist für uns Schnochler verdammt schnell. Guide und Buddy nicht verlieren, einen Walhai aussuchen, dabei keinen anderen umschwimmen, mitpaddeln, Bilder machen, auf die Sonne achten, das Boot nicht verlieren, und staunen. Ganz schön viel auf einmal!

Einige Tiere gestatten uns sogar oberhalb ihrer großen, weit geöffneten Mäuler mitzuschwimmen. Das ist ein ganz besonderer Moment, denn meist tauchen Walhaie ab, wenn man sich ihnen von oben nähert. Hier, ganz an der Wasseroberfläche und mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl gelingt es uns die Haie auch aus dieser außergewöhnlichen Perspektive zu erleben. Ab und an erhaschen wir sogar einen Blick bis tief  in den riesigen Schlund. Ganz genau behalten sie uns immer im Auge aber wenn man sich entsprechend respektvoll verhält, die Tiere nicht berührt oder bedrängt, dann scheint es als würden sie unsere Gegenwart akzeptieren und uns so wie die  kleinen Pilotfische gewähren lassen. Ein überwältigendes Gefühl.

Sie sind wie in Trance und zwei Mal dürfen wir auch Zeugen einer sogenannten "bottle" werden. Dabei stellt sich ein Walhai senkrecht ins Wasser und verharrt nahezu still. Die einzige Bewegung ist das regelmäßige Offenen und Schließen des Maules, wobei die scheinbar herrlich schmeckenden Bonito Eier aus dem Wasser gefiltert werden. Bis auf wenige Zentimeter können wir an die Tiere heran. Ebenfalls nur mit Sondervereinbarung, um die wir schon Monate zuvor angesucht hatten. Einer der Guides befreit einen senkrecht stehenden Walhai mit spitzen Fingern sogar von zahlreichen Parasiten an der Unterlippe. Erstaunlicher Weise scheint das dem Tier mehr als recht zu sein, denn es bewegt sich keinen Millimeter bis die Putzaktion vollendet ist.

Rogero gibt es das Signal dass wir wieder an Board kommen müssen. Um 14h ist Schluss mit Walhaie gucken, dann ist Ruhezeit und alle Boote müssen zurück in den Hafen. Da gibt es auch bei uns keine Ausnahme. Wir sind aber ohnehin so voll von Eindrücken und müde und durstig. Tagwache war schlussendlich schon vor 5 Uhr und stundenlanges Paddeln macht ganz schön schlapp, auch wenn man es erst nachher bemerkt. An Board reden alle durcheinander, zeigen Bilder und schildern die unglaublichen Erlebnisse der letzten Stunden. Unsere Anzüge sind übrigens ebenfalls voll von den kleinen weißen Fischeiern die aussehen wie weißer Kaviar. Kosten will sie allerdings niemand, obwohl sie ja scheinbar fantastisch schmecken dürften..

Von insgesamt fünf Tagen die wir im Golf von Mexico verbringen sind wir an drei Tagen bezüglich Walhaisuche erfolgreich. Die andern beiden Tage sehen wir nichts außer Blauwasser und Sonne. Nichts ist eigentlich falsch, denn wir begegnen Delphinen und Schildkröten, die sich gerade an der Wasseroberfläche paaren. Wir sehen mehrere Rochen und auch zwei Mantas vom Boot aus und bei der im 2-Stundentakt eingeforderten Abkühl-Schwimmrunde auch einen großen Schwarm Barracudas und einen Makrelenschwarm. Die Walhaie sind kontinuierlich in Bewegung und von einem Tag zum anderen bis zu 40 Seemeilen gewandert. Entsprechend schwierig ist es sie zu finden. Hinzu kommt, wenn Touristen sich nicht an die "Spielregeln" halten und die Tiere bedrängen, tauchen sie schlagartig ab und halten sich stundenlang in einer Tiefe auf, wo man sie weder vom Boot noch schnorchelnd entdecken kann. Entsprechend gering sind die Chancen auf ein solches Erlebnis, aber es zahlt sich aus.


Liebe Grüsse
Christine Gstöttner

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